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Nachdenken?

Das Böse siegt,

wenn gute Menschen nichts tun.

Jupiter und die Römer

Der Vogel hat wieder mal gezwitschert. Am gestrigen Tag hat der US-Präsident Donald Trump erneut der Welt seine Einschätzung zur Person und zur Untersuchung über eventuelle Kontakte nach Russland in Zeiten des Wahlkampfes mitgeteilt. Originaltext: „As has been stated by numerous legal scholars, I have the absolute right to PARDON myself, but why would I do that when I have done nothing wrong? In the meantime, the never ending Witch Hunt, led by 13 very Angry and Conflicted Democrats (& others) continues into the mid-terms!

Kurz gesagt, er hält sich für unantastbar, was auch immer er getan haben könnte. Weshalb es vielleicht nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Gott ernsthafte Konkurrenz bekommt. Doch immerhin gibt es wenigstens einen Politiker, der sich davon eher unbeeindruckt zeigt. Es hat nämlich der französische Präsident Emmanuel Macron in einem Telefonat dem US-Präsident so unmissverständlich seinen Standpunkt in Sachen Strafzölle klar gemacht, dass dieser laut CNN sich hinterher beschwerte, das Telefonat sei „just bad“ gewesen. „It was terrible“, soll Trump gesagt haben.

In Deutschland sieht die Regierung lieber tatenlos zu, wie ein US-amerikanischer Botschafter sich als Propagandist der rechten Konservativen und EU-Kritiker auf Breitbart und anderen Plattformen in Szene setzt. Die mehr als angebrachte Kritik daran kommt von einem abgedankten Parteivorsitzenden und von der Linken. Würde sich ein deutscher Botschafter so massiv in den USA für die Demokraten oder die Umweltbewegung eines Al Gore einsetzen, wäre er schon längst des Landes verwiesen worden. Aber wie sagten schon die alten Römer: Quod licet Iovi non licet bovi. Kann sich jeder aussuchen, wer glaubt Gott Jupiter zu sein. Und wen er für den Ochsen hält.

Meinungszwang

Haben wir es nicht richtig gut? Sofern es nicht gängige Gesetzgebung verletzt, können wir sagen, was wir wollen. Wir müssen nicht überlegen, ob das jetzt irgendeinem Staatsoberhaupt gefällt. Noch nicht einmal ein König von Bayern könnte es uns untersagen, zu sagen, was wir denken und meinen. Und so ist es gut und richtig, wenn davon Gebrauch gemacht wird. Von mir aus auch in schriftlicher Form auf Facebook oder irgendwelchen Internetforen und in Kommentaren, zu welchem Ereignis auch immer.

Nur wünsche ich mir immer mehr, dass sie es nicht täten. Nicht, dass ich etwas gegen Meinungsfreiheit hätte. Absolut nicht. Ich würde zum Beispiel höchst ungern in der Türkei leben. Obwohl ich dieses Land kulturhistorisch ausgesprochen interessant finde. Was mich stört, das ist der zunehmende verbale Zwang, der ausgeübt wird. Dass sich immer mehr Menschen dazu berufen fühlen, zu sagen, was ein anderer zu denken oder vielleicht sogar zu fühlen hat.

Es scheinen nicht mehr allzu viele Leute davon auszugehen, dass letztendlich jeder Mensch für sich entscheiden kann und sollte, was er gedenkt zu denken oder zu tun oder zu lassen. Ganz im Gegenteil hat es mehr und mehr etwas kategorisches, wenn Meinungen und Ansichten geäußert werden. Um nicht zu sagen, etwas Erpresserisches. Denn wer mit dieser oder jener Meinung nicht übereinstimmt, gerät im günstigen Falle in Gefahr, als Idiot oder zumindest als dumm hingestellt zu werden. Und wer möchte das so gerne.

Da von Meinungsterror zu sprechen, wäre natürlich etwas übertrieben. Denn wir wissen inzwischen annähernd, wie Terror aussieht. Aber man hat schon das vage Gefühl, dass dies eine Vorstufe sein könnte. Wenn ich es nicht mehr akzeptiere, dass jemand anderes eine andere Meinung hat. Eine andere Sicht auf die Dinge.  Denn bedeutet es letztendlich nicht, dass ich keinen Respekt vor dem anderen Menschen habe? Dass ich anderen ihre Meinung lasse, heißt zwar nicht, dass ich meine ändern muss. Scheint sich aber anscheinend noch nicht rumgesprochen zu haben.

Eingeholt

Ich habe mir das gut überlegt. Ich habe mir viele Fragen gestellt. Und immer lautete meine Antwort darauf: Ja, du musst. Und natürlich fühlt es sich schon sehr seltsam an, wenn nun an drei Tagen in Folge vordergründig das selbe Ereignis abgehandelt wird. Als wollte hier jemand die Schrecken und Gräuel, mit denen eine Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep endete, breit treten, auswalzen. Weil ihm nichts anderes mehr einfällt. Doch das ist nicht der Grund. Darum ging es zu keinem Zeitpunkt.

Der Auslöser war das Exemplarische. Nicht für die Türkei alleine. Sondern für viele Länder. Vielleicht die meisten. Alle? Das Selbstmordattentat auf eine Hochzeit brachte nicht nur Leid für die davon betroffenen Menschen. Es zeigte auch sehr deutlich, wie Nachrichten, Meldungen, Statements eingesetzt werden. Um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Um Menschen zu manipulieren. Es ist wirklich beeindruckend.

Jetzt weiß man jedenfalls, dass man nicht weiß, ob der Attentäter ein Kind war, das der IS geschickt hatte. Was abgerundet wird von der Meldung, dass der österreichische Botschafter in Ankara ins türkische Außenministerium einbestellt wurde. Weil in Wien Kurden ein Zelt errichtet haben und mit Plakaten des PKK-Anführers Öcalan und der Flagge der PKK schmückten. Um gegen die türkische Politik und das militärische Vorgehen gegen Kurden zu demonstrieren.

Weshalb dann eine türkische, regierungstreue Online-Zeitung, die auf Deutsch erscheint, berichtete, PKK-Anhänger hätten „in der österreichischen Hauptstadt Wien das Staatsfernsehen ORF besetzt“. Und weiter: „Sie besetzten die Sendezentrale und zwangen die Mitarbeiter dazu, eine Erklärung zu verlesen.“ Dass es am Ende des Absatzes heißt, „die Terroristen forderten, dass ein Text verlesen wird, wurden jedoch von den Polizisten des Platzes verwiesen“, ist dabei unwesentlich.

Von Bedeutung ist lediglich das Vorgehen. Wie und welche Meldungen lanciert werden. Wenn Wirkungen erzielt werden sollen. Die dann damit abgerundet werden, dass ein Präsident von Aufrichtigkeit spricht. Laut einer Zeitungsmeldung soll Erdogan gesagt haben: „Wie kann man über Aufrichtigkeit sprechen, wenn Terrororganisationen erlaubt wird, ihr Zelt in Brüssel vor dem Europäischen Ratsgebäude zu errichten.“ Und ich muss zugeben, dass ich etwas verwirrt bin momentan.

Kant und die Buchempfehlung

Es ist noch nicht einmal Kants berühmt, berüchtigter kategorischer Imperativ, von dem wir natürlich alle wissen, was er bedeutet, es ist lediglich der beliebte, simple Alltags-Imperativ: „Du musst das unbedingt lesen!“ Danach kommt ein Buchtitel, ein Zeitungsartikel oder irgendetwas anderes Schriftliches. Variante zwei: „Den musst du dir unbedingt anschauen!“ Da ist dann fast immer ein Film gemeint. Ist der Artikel in diesem Fall hingegen weiblich, so handelt es sich in der Mehrzahl der Fälle um eine Ausstellung. Wenn nicht, ist die Anweisung eher sexistischer Natur.

Denn was eigentlich eine freundlich gemeinte und dann wahrscheinlich gerne aufgegriffene Empfehlung sein sollte, klingt ja wirklich zumeist wie ein Befehl. Und nachdem der Gebrauch solcher Formulierungen absolut geschlechterübergreifend ist, kann man nicht davon ausgehen, dass ein Hang zum Militarismus oder eine Reminiszenz an Bundeswehrzeiten dahinter stehen könnten.

Vielmehr klingt das nach einer unumstößlichen Überzeugung, dass derjenige, an den die Botschaft gerichtet ist, ebenso empfinden wird wie der Hinweisgeber. Dass sie oder er eben auch das Buch, den Film oder die Ausstellung lieben, faszinierend finden, davon begeistert sein wird. Was gleichzeitig impliziert, dass hier nicht nur eine Koryphäe des jeweiligen Genres spricht sondern derjenige auch über so viel Kenntnis über das Gegenüber besitzt, dass er ganz bestimmt weiß, was diesem oder jener gefällt.

Was gleichzeitig ein erhellendes Licht auf dieses Verhalten wirft. Denn letztendlich wird hier so getan, als sei ein alter Menschheitstraum verwirklicht: Dass man weiß, was die oder der Andere fühlt, denkt, sucht, will. Weshalb man auch in Zukunft solche „Empfehlungen“ ganz gelassen sehen kann. Es gibt nämlich nichts was man „muss“. Denn ebenso, wie man selber oft nicht weiß, was man fühlt, denkt, sucht oder will, so kann man hundertprozentig sicher sein, dass das ein anderer Mensch noch weniger weiß. Und meistens sogar noch nicht einmal eine dumpfe Ahnung davon hat, was bei dem anderen vor sich geht.