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Sonntag mit Schneegestöber

Früher war das Leben vielleicht deswegen etwas unbeschwerter, weil man weniger davon wusste. Ich spreche jetzt von einer Zeit, in der es noch kein Internet, also keine Informationen im Sekundentakt gab. Sondern Nachbarn, die eventuell von einem anderen Nachbarn etwas gehört hatten. Weshalb man über eine Magenverstimmung in dem Haus um die Ecke informiert war, aber nichts darüber wusste, was in der nächstgelegenen größeren Stadt passierte. Und wenn, dann mit einer zeitlichen Verzögerung von mindestens ein paar Tagen, wenn nicht Wochen.

Es hat 24 Minuten gedauert, bis ich die ersten Fotos von dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau auf dem Smartphone hatte. Wohl gemerkt, von dem Moment des Absturzes an gerechnet. Wenn einem da nicht der Faschingskrapfen im Halse stecken bleibt. Und natürlich sterben deswegen nicht weniger Menschen, wenn ich nichts über ihren Tod weiß. Aber vielleicht entschließt sich mein Magengeschwür, sich diskret zurück zu ziehen.

Vielleicht brauche ich nicht mehr Aufregung, als der Blick aus dem Fenster beschert, in dessen Viereck sich gerade dicke Schneeflocken erdwärts bewegen. Vielleicht hat man als Mensch einfach nicht genug an Empathie zur Verfügung, um vom Elend auf allen fünf Kontinenten zu wissen, ohne daran Schaden zu nehmen. Vielleicht könnten wir uns besser um unsere Nächsten kümmern, wenn wir nicht so bekümmert wären von Not und Tod auf dem ganzen Erdball.

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Relationstheorie

Das ist natürlich und höchstwahrscheinlich schon anderen Menschen aufgefallen. Wenn sich jemand erdreistet und von sich behauptet, dass er alt sei, dann widersprechen alle Anwesenden aufs heftigste. So wie ja auch alle aufs heftigste widersprechen würden, wenn ein ganz böser Mensch behauptet, dass zum Beispiel so ein putziges kleines Kind in Wirklichkeit grottenhässlich sei. Selbst wenn es stimmt. Und bis jetzt habe ich geglaubt, dass diese Reaktion der Mitmenschen ein Akt des Mitgefühls ist.

Bei dem Kind, weil es ja bestimmt Eltern hat, und es ja wirklich nicht schön ist, von seinem Kind zu hören, dass es hässlich sei. Ganz zu schweigen von dem unvermeidlichen Gedankengang, dass die Hässlichkeit des Kindes ja auf der Hässlichkeit der Eltern beruhen könnte. Und bezogen auf das Alter, weil in unserer Epoche des Jugendwahns und der zumindest von der zuständigen Industrie propagierten ewigen Jugend Alter nur noch einen Platz und eine Daseinsberechtigung hat, wenn es um Fragen der Weisheit und des Erbrechts geht.

Doch jetzt sind mir die alterstrüben Augen aufgegangen. Zumindest beim Alter hat es überhaupt nichts mit Empathie zu tun. Es ist die pure Egozentrik. Und eigentlich eine relativ simple und durchaus menschliche Reaktion. Denn ließe man die Behauptung von einem Anwesenden, dass er alt sei, unwidersprochen, dann ließe das ja auch Rückschlüsse auf das Alter anderer Anwesenden zu. Noch einfacher ausgedrückt: Wenn der alt ist, dann bin ich es ja auch. Dann sind ja Rückschlüsse auf mein Alter unvermeidlich.

Wahre Empathie wäre es also, nicht mehr von sich zu behaupten, dass man alt sei. Aus Rücksicht auf die anderen. Nur bei putzigen kleinen Kindern, die in Wirklichkeit grottenhässlich sind, empfehle ich, weiterhin lautstark und im Brustton der Überzeugung zu widersprechen, falls sich jemand erdreistet, auf eine realistische Beschreibung des armen Kindes besteht. Auch wenn es natürlich nicht schaden könnte, dass sich die Eltern mal so langsam der Wirklichkeit stellen.  

Die andere Seite

Ich bin mir dessen bewusst. Ich habe eine Verantwortung. Die sich aber nicht nur darauf beziehen darf, das beim Namen zu nennen, was schief oder gar nicht läuft auf dieser Erde. Man hält schließlich selbst aus der Ferne das Elend und die Ungerechtigkeiten nicht ohne Pause aus. Weshalb hiermit eine solche gegönnt sei. Außerdem ist ja auch Wochenanfang, und was könnte mehr demotivieren, dem harten Arbeits-Alltag ins Auge zu sehen, als nur Katastrophen, Not, Mord und Totschlag serviert zu bekommen.

Richten wir doch deshalb hier und jetzt einmal den Blick auf manch Großartiges, zu dem die Menschen ja auch fähig sind. Sehen wir uns doch einmal an, wie kreativ der Mensch sein kann, wie gefühlsbetont und mitfühlend. So wurde ich zum Beispiel von der Erkenntnis überrascht, dass der männliche Teil jener Geissens, die in gewissen Spartenkanälen der Menschheit frappierende Einblicke in ihr einfaches Leben gewähren, auch als geradezu exorbitant kreativer Designer seinen Mann steht.

Denn als Roberto Geissini kreiert er neben T-Shirts und Jacken auch Teppiche. Über die in einem Katalog steht, dass sie durch „stilbildende Motive“ wie Totenkopfsymbole, die US-Flagge und das Roberto-Geissini-Logo einen unverwechselbaren Look hätten. Dem in keinster Weise widersprochen werden kann, auch wenn es etwas verwundert, dass die Fußmatten aus dieser Kollektion ebenso wie alle anderen dieser „Lifestyle-Artikel“ um die Hälfte im Preis heruntergesetzt wurden.

Aber Geld ist schließlich kein Gradmesser, und schon gar nicht, wenn es um Gefühle geht. Weshalb man auch ein anderes Produkt menschlicher Erfindungsgabe nicht gering schätzen sollte, obwohl es mehr als erschwinglich ist. Und eigentlich auch unverzichtbar in diesen Tagen, wenn der Herbst die Blätter wieder so schön bunt färbt. Es ist eine DVD. Die uns ein romantisches, knisterndes Feuer auf den Bildschirm unseres LED-Fernsehers zaubert, und somit für unvergessene Stunden mit dem liebsten Menschen oder vielleicht einem ebenso geliebten Haustier sorgen kann.

Und das mit drei unterschiedlichen Kaminfeuern. Einmal „lodernd und üppig“, dann „gemütlich brennend“ oder auch mit „Holzaufschichtung mit dezent brennendem Feuer“. Natürlich jeweils mit dem „Original-Knisterton“ und teilweise kombiniert mit klassischer Musik von Mozart, Bach oder Chopin. Also was braucht der Mensch noch mehr zu seinem Glück! Vielleicht ja das gute Gefühl, dieses Glück auch mit anderen Lebewesen zu teilen?

Kein Problem. Gerade jetzt und in Anbetracht der kommenden eisigen Jahreszeit kann er zeigen, dass er nämlich auch ein mitfühlender Mensch ist. Zum Beispiel seinem vierbeinigen Freund. Er braucht ihm nur zwei Paar „Ruffwear Barkn Boots Polar Trex“-Hundeschuhe besorgen, in „Red Rock“. Die kosten gerade mal 100 Euro und haben sogar eine Anti-Rutsch-Sohle, damit der kleine Racker auch bei Glatteis nicht ausrutscht. Und sind ein weiterer Beweis dafür, dass der Mensch durchaus in der Lage ist, sinnvolle Dinge zu schaffen. Mit Herz und Verstand.