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Besondere Tage

Sie sind einfach Gold wert. Diese Tage, an denen in ganz besonderer Weise einer Sache gedacht wird. Der Tag der Pfannkuchen, der Kinder, des Autos, der Spülmaschine oder der Pressefreiheit. Der war übrigens vor kurzem, und vor lauter Corona hat es kaum jemand gemerkt. Ich übrigens auch nur, weil ich einen Newsletter abonniert habe, der mich auf dem Laufenden hält.
Um also denselben Fehler nicht noch einmal zu machen, hier also schon einmal der Ausblick auf den Muttertag. Vor allem auch, weil ich mir ganz sicher bin, dass der in diesem Jahr ganz groß gefeiert wird. Heldinnen werden sie genannt werden, egal ob Mutter oder nicht. Weil das einfach billiger ist als sie wie Männer zu bezahlen. Weshalb sicher angefügt wird, dass ihr Einsatz in der Corona-Krise sowieso unbezahlbar ist.

Ungesagt bleiben wird an diesem Tag weitgehend, dass nach der Krise Gott sei Dank wieder alles wie früher sein wird. Was für viele Frauen eine gute Nachricht sein wird, weil das Home-Schooling bald wieder wegfällt. Frauen sind schließlich für alles dankbar. Und in der auf uns zukommenden Wirtschaftskrise gibt es sowieso wichtigeres.

Also liebe Männer, denkt daran, ein paar Blümchen zu kaufen, Essen gehen kann man ja Gott sei Dank am Muttertag noch nicht. Und dass es wohl bald wieder Bundesliga geben wird, ist sowieso ein Riesengeschenk für alle Mütter. Da haben sie endlich wieder viel Zeit, sich ganz den lieben Kleinen zu widmen.

Viel Zeit hat jetzt übrigens wohl auch Deutschlands erste Frau in einem Dax-Vorstand. Jennifer Morgan räumte gerade ihren Platz. Ob sie gefragt wurde, ist nicht bekannt. Jedenfalls hat den jetzt ein Mann. Weil in der momentanen Krise „schnelles, entschlossenes Handeln“ nötig sei. Corona und die Männer sind ein gutes Team.

Blumenstrauß

Die Straßen waren durchaus etwas bevölkerter als sonst an einem normalen Sonntag. Ausflugslokale und Restaurants waren spätestens ab Mittag ebenso gut besucht wie die Cafés am späteren Nachmittag. Wer das Risiko nicht nur auf der Straße suchte, ging jedenfalls ohne Reservierung in das auserkorene Lokal. Warum das alles so war, das habe ich sofort begriffen, als ich auf dem Weg zur Arbeit an einem dieser Blumenfelder vorbeikam, die zumeist Orts- oder Stadt-nah die letzte Rettung sind, wenn man noch schnell Blumen braucht.

Und zudem für Menschen, die es nicht so genau nehmen, auch noch ausgesprochen preiswert erstanden werden können. Jedenfalls habe ich noch nie so viele Autos an einem solchen Blumenfeld gesehen. Sogar die Parkplätze waren knapp. Und es waren ausschließlich Männer, die hier Blumensträuße zusammenstellten, und das zu einer Zeit, da man sie eher bei einem Frühschoppen mit den Kumpels vermuten würde. Es gibt eben immer wieder Ereignisse, die völlig unvorhersehbar eintreten. Vor allem für Männer.

Eine Gegendarstellung

Schon Blumen gekauft? Im Restaurant reserviert? Oder doch lieber mit der Mutti zu McDonalds? Oder vielleicht vorgesehen, sie am Sonntag mit aufgebackenen Brötchen oder Croissants zu überraschen? Es ist schließlich Muttertag. Der einzige Tag im Jahr, an dem es möglich ist, sich einmal bei seiner Mutter zu bedanken, sagt der Groß- und Einzelhandel. Danke zu sagen jedenfalls, für diesen unmöglichen Haarschnitt, der immer wieder gerne die ganze Klasse erheiterte. Dafür, dass alle anderen Kinder Geld für Müsli-Riegel hatten, das sie für Zigaretten ausgeben konnten. Während du „Pausenbrote“ mitbekamst. Oder vielleicht für all das, was dir deine Mutter während deiner Kindheit an Arbeiten abgenommen hat. Was du dann als junger Mensch mühsam dir selber beibringen musstest. Also zum Beispiel morgens Klamotten raussuchen, dreckige Wäsche zu waschen oder ein Spiegelei zu braten.  

Einmal ganz zu schweigen davon, dass dich die Mutter nicht einmal gefragt hat, ob du überhaupt geboren werden willst. Was sie dann nicht davon abgehalten hat, dir die komplette Kindheit mit Verboten und Geboten und einem unfähigen Vater zu vermiesen. Weshalb du heute noch in psychologischer Behandlung bist. Dafür also lieben Dank! Und vielleicht doch lieber einen Rosenstrauß. Für den die Blumen aus Afrika importiert wurden, wo sie schlecht bezahlte Einheimische liebevoll gebunden haben.  Die nur das Wasser aus einem dreckigen Brunnen als Trinkwasser haben, weil alles andere Wasser für die Blumen verbraucht wird. Aber Hauptsache die Dornen an den Rosen sind lang genug, um richtig zu stechen.

Da war doch noch was

Viele, vermutlich sogar die meisten Menschen haben es wohl gar nicht bemerkt. Schließlich ist nicht bekannt, dass es in einer deutschen Gaststätte, in einem Restaurant oder Ausflugslokal zu einer Kranzniederlegung gekommen wäre. Also wie hätte man darauf kommen können, dass vor 71 Jahren der Zweite Weltkrieg zu Ende war. Aber gerade dort hat sich am gestrigen Tag der Großteil der Bevölkerung aufgehalten. Um zu essen und zu trinken und unsere Mütter hoch leben zu lassen. Und nicht um sich vom Gedenken an 60 Millionen tote Menschen die Stimmung versauen und den Appetit verderben zu lassen.

Selbst Politiker, sonst selten abgeneigt, an Veranstaltungen teilzunehmen, bei denen vermutlich auch Presse, Funk und Fernsehen anwesend sein werden, gingen lieber mit ihren Müttern oder einer anderen Frau zum Essen oder gleich in die heimische Sauna. Gerade mal Berlins Bürgermeister zweigte ein Stündchen für eine kleine Gedenkfeier im kleinen Rahmen und ohne jede Prominenz ab. Ansonsten nur Friede, Freude, Eierkuchen und kaum ein Wort über die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945, mit der ein Töten und Morden von geschichtsträchtigem Ausmaß ihr Ende nahm.

Und vermutlich war das auch sinnvoll. Nicht auszudenken, zu welcher Verwirrung und Unsicherheit das geführt hätte, wenn an einem Muttertag auch noch der vom einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ausgerufene Tag der Befreiung gefeiert worden wäre. Hätte das nicht womöglich manch treuen Gatten im Verbund mit drei, vier Gläsern Bier auf die Idee gebracht, sich an einem Tag der Befreiung von der Mutter seiner Kinder abzusetzen? Und wenn es nur für ein paar Stunden mit den Kumpels und auf dem Fußballplatz wäre! Nicht auszudenken, welche Konsequenzen das gehabt hätte. Wenn es um die Lebenden geht, muss man halt auch mal die Toten ruhen lassen.

Szenen des Alltags

Eine Szene aus dem Alltag. Der gestrige Samstag, Ort der Handlung ein Supermarkt. Am späteren Nachmittag. Vielleicht war es auch schon ein früher Abend. Eine junge Frau und ein junger Mann, allem Anschein nach in einer Beziehung. Aber eher nicht oder noch nicht verheiratet. Sie stehen vor einem „Krabbeltisch“, ein Schild „Jeder Artikel 1 Euro!“ würde nicht überraschen. Sie hält einen Schlüsselanhänger in der Hand, für den selbst ein Euro eher schon zu teuer wäre. Und erklärt ihrem Freund, dass der für ihre Mutter sei, weil doch morgen Muttertag wäre. „Kaufst du denn deiner Mutter nichts zum Muttertag?,“ fragt sie leicht vorwurfsvoll. Woraufhin er sie leicht entgeistert anschaut.

Wir verdanken angeblich den Muttertag der US-amerikanischen Methodistin Anna Marie Jarvis. Sie wollte ihrer toten Mutter gedenken, am Sonntag nach deren Todestag. Begann eine Initiative, dass an diesem Tag aller Mütter gedacht werde. Wandte sich an Politiker, Frauenvereine und Geschäftsleute. 1914 stimmte der US-Kongress der Einführung eines offiziellen Muttertages zu. Doch als es dann zur fortschreitenden Kommerzialisierung des Muttertages kam, begann Anna Marie Jarvis für die Abschaffung des Muttertages zu kämpfen. Ohne Erfolg.

In Deutschland wurde der Muttertag vom Verband Deutscher Blumengeschäftsinhaber zu Beginn der 1920-er Jahre eingeführt. Die Nationalsozialisten machten den Muttertag 1933 zum Feiertag, an dem Mütter als die „Heldinnen des Volkes“ gefeiert wurden, da sie für arischen Nachwuchs sorgten. Mit Gründung der Bundesrepublik Deutschland entfiel der Status des gesetzlichen Feiertages, dafür wurden in allen Bundesländern Sonderregelungen eingeführt, allerdings dürfen nur Blumenläden am zweiten Sonntag im Mai geöffnet werden. Wer wie die junge Frau etwas anderes oder zusätzlich schenken möchte, muss schon am Tag zuvor etwas für die Mutter kaufen.

Mütter werden laut allgemein üblicher Darstellung am Muttertag beschenkt und von ihren Familien verwöhnt, damit sie an diesem Sonntag nicht kochen oder sauber machen müssen. Gleichzeitig soll somit die Hausarbeit gewürdigt werden, die sie an den restlichen Tagen des Jahres erledigen. Weshalb gerne auch Ehemänner ihre Frauen am Muttertag in eine Gastwirtschaft oder Restaurant führen, obwohl es nicht ihre Mütter sind. Außerdem würde dieser Ansatz den finanziellen Aufwand der oben beschriebenen Tochter erklären. Entweder hat ihre Mutter eine Haushaltshilfe, die kocht und sauber macht. Oder sie erledigt die Hausarbeit nicht zur Zufriedenheit der Tochter.

 

Gedanken zum Muttertag

Wahrscheinlich nicht alle Menschen aber doch sehr viele fragen sich wohl dann und wann und spätestens nach einem Blick auf die aktuellen oder auch etwas weiter zurückliegende Nachrichten, warum Menschen so sind, wie sie sind. Freundlich und verschlagen. Ehrlich und verlogen. Zugewandt und grausam. Habgierig und gebefreudig. Menschlich und unmenschlich. Und eingedenk all dieser Gedenkfeiern, die derzeit unser Land überziehen und an ein herausragendes Beispiel für Grausamkeit erinnern, habe auch ich mich wieder einmal mit dieser Frage beschäftigt.

Der Schluss, zu dem ich gekommen bin, ist zugegebenermaßen auch dieses Mal nicht sehr erfreulich. Es wird sich nämlich nie etwas Wesentliches daran ändern. Doch es gibt auch Gutes zu vermelden. Es könnte nämlich alles noch viel schlimmer sein. Mein gedanklicher Ansatz: Erinnerung kann nicht gelöscht werden. Sie ist nicht nur auf Lebenszeit beim Menschen abgespeichert, sie wird auch noch weitergeben. An die Kinder. An die Partnerin und den Partner. An Freunde, Feinde und andere Verwandte.

Jede Grausamkeit, die ein Mensch erlebt hat, prägt ihn und sein Verhalten. Welches wiederum die Menschen in seinem Umfeld prägt. Erinnerung ist natürlich nicht immer präsent. Aber sie löst sich auch nicht in Wohlgefallen auf. Und das ist dann die gute Nachricht. Nachdem, was zum Beispiel die Menschen in Europa im Zweiten Weltkrieg erlebt und gesehen haben, ist es geradezu erstaunlich, dass das halbe Jahrhundert danach nicht anders ausgesehen hat.

Doch es ist nicht angebracht, daraus abzuleiten, dass dies Bestand haben muss oder einen Wandel dokumentiert. Der Mensch ist geblieben, was er ist. Nur manchmal kompensiert er eben anders. Weshalb wir nicht den Fehler begehen sollten, nur die anderen Menschen als grausam und unmenschlich einzuschätzen. Das Potential haben wir alle.

Und manchmal braucht es nur jemanden, der es weckt und sich dessen bedient. Selbst nach Generationen. Weshalb es immer nur um Schadensbegrenzung gehen kann. Immer nur um die Frage des Einhegens. Unserer Frustrationen. Unserer Machtlosigkeit. Der Reaktionen auf die kollektiven Traumata. Kurzum, genießen wir diesen Muttertag. Falls er einmal friedlich verlaufen sollte.