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Sonntag mit Schneegestöber

Früher war das Leben vielleicht deswegen etwas unbeschwerter, weil man weniger davon wusste. Ich spreche jetzt von einer Zeit, in der es noch kein Internet, also keine Informationen im Sekundentakt gab. Sondern Nachbarn, die eventuell von einem anderen Nachbarn etwas gehört hatten. Weshalb man über eine Magenverstimmung in dem Haus um die Ecke informiert war, aber nichts darüber wusste, was in der nächstgelegenen größeren Stadt passierte. Und wenn, dann mit einer zeitlichen Verzögerung von mindestens ein paar Tagen, wenn nicht Wochen.

Es hat 24 Minuten gedauert, bis ich die ersten Fotos von dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau auf dem Smartphone hatte. Wohl gemerkt, von dem Moment des Absturzes an gerechnet. Wenn einem da nicht der Faschingskrapfen im Halse stecken bleibt. Und natürlich sterben deswegen nicht weniger Menschen, wenn ich nichts über ihren Tod weiß. Aber vielleicht entschließt sich mein Magengeschwür, sich diskret zurück zu ziehen.

Vielleicht brauche ich nicht mehr Aufregung, als der Blick aus dem Fenster beschert, in dessen Viereck sich gerade dicke Schneeflocken erdwärts bewegen. Vielleicht hat man als Mensch einfach nicht genug an Empathie zur Verfügung, um vom Elend auf allen fünf Kontinenten zu wissen, ohne daran Schaden zu nehmen. Vielleicht könnten wir uns besser um unsere Nächsten kümmern, wenn wir nicht so bekümmert wären von Not und Tod auf dem ganzen Erdball.

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Schlussverkauf

Nach diesen Tagen und Stunden, die man in besinnlicher Ruhe und harmonischer Zweisamkeit verbrachte, und die nur marginal unterbrochen wurden von dem zweitägigen Besuch des Bruders mit seiner durchaus zahlreichen Familie, den Überraschungsbesuchen der Nachbarn aus dem zweiten Stock und des befreundeten Ehepaars, mit dem wir immer in Urlaub fahren, und unseren Besuchen bei den Schwiegereltern, bei Tante Corinna und Onkel Heinrich, dem kurzen Hallo bei unserem Nachbarn im dritten Stock und dem zufälligen Zusammentreffen mit Meiers aus der 15a, das sich zu Kaffee und Kuchen ausweitete, haben wir uns endlich mal wieder unter die Leute gewagt. Und sind ins Gewerbegebiet gefahren. Weil es dort alle großen Discounter gibt.

Und hatten erst einmal den Eindruck, dass Weihnachten noch gar nicht stattgefunden hat. Weil wir nämlich genauso lange nach einem Parkplatz suchen mussten wie vor den Feiertagen. Und außerdem die Schlangen an den Kassen mindestens genauso lange waren, wie bei den Weihnachtseinkäufen. Zum Glück war unser Sohn mit dabei und hat uns aufgeklärt. Dass nämlich nach Weihnachten gleich der Weihnachts-Sale stattfindet. Was auf Deutsch nichts anderes heißt, als dass alles, was man vor Weihnachten für sündteures Geld gekauft hat, jetzt nur noch die Hälfte kostet. Ich habe meiner Frau vorgeschlagen, nächstes Jahr die Weihnachtsbescherung auf die erste Januar-Woche zu verlegen.                                                                                  

Ländliche Idylle

Also wenn das mal kein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk ist. Da hat das Verwaltungsgericht in Würzburg gerade noch pünktlich vor dem Fest der Liebe entschieden, dass eine Gemeinde für ein einzelnes Kind einen Fahrer und ein adäquates Fahrzeug bereitstellen muss, damit dieses zu Hause abgeholt, in die Schule gefahren und wieder nach Hause gebracht wird. Was man wahrscheinlich nur erreicht, wenn man eine Rechtsschutzversicherung hat. Aber die hat der klagende Vater offensichtlich rechtzeitig abgeschlossen.

Ansonsten scheinen die Eltern des Jungen nämlich aufs Geld schauen zu müssen. Denn obwohl sie in einem kleinen Weiler leben, einige Kilometer von der betroffenen Gemeinde Dammbach entfernt, die übrigens einen finanziellen Ausgleich angeboten hatte, haben sie nur ein Auto. Mit dem der Vater zur Arbeit fährt. Weshalb die arme und bedauernswerte Mutter wohl mit ihrem zweiten, dreijährigen Kind mindestens fünf Tage in der Woche nicht zum Einkaufen kommt und immer nur zu Hause hocken muss. Allem Anschein nach hat sie auch garkeinen Führerschein, sonst könnte sie ja den Mann zur Arbeit und das Kind in die Schule fahren.

Denn während der Arbeitszeit braucht der Mann das Auto nicht. Aber es gibt wohl auch keine Nachbarn oder Bekannten, die das Kind mitnehmen könnten. Vielleicht bis zur nächsten Haltestelle für einen regulären Schulbus. Und so fragt man sich bang, was wohl die Kinder aus diesem Weiler gemacht haben, bevor es ein Recht auf einen Schulbus und Rechtsschutzversicherungen gab. Oder sollten sich die Menschen dort dereinst über die Jahrhunderte hinweg sogar jedem Kinderwunsch verweigert haben, weil es noch keinen Schulbus gab?

Was für ein Glück also, dass wir inzwischen in einem Land leben, in dem man sich nicht fragen muss, was man selber tun könnte. Sondern Gerichte klären lässt, was der Staat tun muss. Zu klären wäre allerdings vielleicht noch von dem Vater, ob das Gefährt, das das Kind zukünftig in die Schule bringt, auch dieselbe Ausstattung wie ein richtiger Schulbus hat. Schließlich gilt gleiches Recht für alle. Gegebenenfalls muss er halt nochmal vor Gericht gehen.

   

Nostalgie

Duckmäuser ist so ein Wort. Ist doch total nostalgisch. Hat einen Hauch von Biedermeier. Warum mir das gerade um vier Uhr dreiunddreißig und am Strand eingefallen ist, bleibt Privatsache. Welche Bedeutung es hat, soll nicht verheimlicht werden. Schließlich kann es Menschen geben, die dieses Wort noch nie gehört haben. Obwohl es von geradezu tragischer Aktualität ist. Laut Duden ist das also „jemand, der seine Meinung nicht zu sagen wagt, sie nicht einer entgegengesetzten entgegenzustellen wagt“. Klingt vielleicht für SMS-User etwas ungewohnt, ist aber einfach. Wir sprechen hier von jemandem, der die Klappe hält. Obwohl ihm so einiges aufstößt respektive aufstoßen sollte.

Genau das ist nämlich die aktuelle Lage. Nicht nur, dass wir selber wissen, was alles im Argen liegt. Wir kriegen es ja auch noch haarklein erklärt, falls Not am Mann ist. Und ich erspare es jetzt mir und allen anderen, auch nur ansatzweise aufzuzählen, was so alles auf den Nägeln brennt. Die Reaktion darauf ist jedenfalls in einem Bereich von – 1 bis + 0,9 auf der Richterskala des Widerstandes. Die übrigens bis zehn geht. Wir aber sitzen mit wenigen Ausnahmen auf unseren wohl genährten Hintern, motzen allenfalls über das miese Essen, die hohen Mieten und den Lärm vom Nachbarn. Schluss der Entrüstung. Was die These beflügelt, dass der Mensch nur geneigt ist, etwas gegen einen Zustand zu unternehmen, wenn es eigentlich schon zu spät ist, also – man verzeihe den Ausdruck, der allerdings auch nostalgisch ist – die Kacke am dampfen ist.

Was, so könnte man jetzt natürlich einwenden, ja eigentlich schon der Fall ist. Aber man darf nicht vergessen, dass es in unseren Tagen in unseren Breitengraden gegen jeden Gestank ein Wohlfühl-Aroma gibt, sei es in der Dose oder als Mitbringsel aus dem Urlaub in einem kleinen bestickten Säckchen. Noch nie gab es so viele Duftzerstäuber wie heute. Da muss man nur mal auf einen unserer Politiker drücken. Also heißt das Motto: zurücklehnen und den Duft genießen. Solange die Scheiße, in der wir stecken, noch nicht den Mund erreicht hat, lässt sich die Illusion ja vielleicht bewahren.

Nachbarschaft

Das ist schon ein bisschen der Fluch dieses weltumspannenden Internets. Nicht einmal an einem Strand ist man vor Ablenkung vom Erholungsurlaub sicher. Natürlich gibt es WLAN. Und so kehrte ich heute, noch immer leicht gerötet und deshalb mehr oder minder bekleidet, dem Meer für einen Moment den Rücken und gedanklich in die Heimat zurück. Anlass die neuesten Meldungen von unserem Maut-Minister. Die wirklich hoffen lassen, dass Deutschland auf dem besten Weg zur Weltmacht ist.

Also so ein Hauch von Supermacht und Trumpismus war da nämlich meiner Meinung nach schon zu spüren, nachdem was der Herr Bundesminister jetzt vom Stapel gelassen hat. Zwar hat er es noch nicht getwittert, wie das große Vorbild, aber zumindest war es ganz offensichtlich so eine Art  Wahlveranstaltung, wo er geredet hat. Im Rahmen eines Brauereifestes. Was auf jeden Fall einiges erklären könnte, aber nicht alles.

Da hat der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt laut einer durchaus glaubwürdigen, weil CSU-nahen Zeitung nämlich empfohlen, aufzuhören mit seinem Nachbarn zu reden, falls der sich überlege, bei der Bundestagswahl im September SPD zu wählen. Und da kann ich nur sagen, das ist doch schon einmal ein Anfang. Vielleicht gibt es ja als nächstes Verhaltensregeln für Migranten von ihm, falls die nicht die CSU wählen. Nachdem man mit denen ja sowieso nicht reden kann, kann das dann wohl nur eine handfeste Reaktion sein?

Abendsonne

Es gibt einfach solche Tage. Morgens sieht alles ruhig aus. Nichts , was zu erledigen ist und nicht auf Morgen verschoben werde könnte. Dann streikt ein Gerät, plötzlich ist etwas dringend zu erledigen, und das Mittagessen soll auch pünktlich auf dem Tisch stehen. Und als hätten sich alle und alles verabredet, geht es am Nachmittag so weiter. Nachbarschaftshilfe, eine Besorgung, die gefühlt Stunden dauert, weil überall Staus sind, und dann noch etwas, das keinen Aufschub duldet und die Zeit bis zum Abend in Anspruch nimmt. 

Doch es ist noch angenehm warm draußen, man kann sich mit einem Bier vor das Haus setzen, und die Nachbarn nicken verständig mit dem Kopf, wenn sie vorbeigehen. Auch wenn es die gleichen Geräusche sind wie sonst auch, es herrscht Ruhe. Kein Blick auf das Morgen, der Tag ist zu den Akten gelegt, der Vogel, der vorbeifliegt, ist wichtiger. Die Terroristen haben sich im Kopf schlafen gelegt, die Wahlprogramme knistern im Kamin, und der Steuerbescheid soll ruhig kommen, die Sonne steht trotzdem noch am Himmel. Doch morgen kann wieder alles ganz anders sein. Vielleicht gibt es kaum etwas zu tun.

Gruselige Köpfe

Die Aufregung ist vielleicht doch nicht so ganz verständlich. Wird aber fast täglich ausgiebig gepflegt. Ob nun gerade der türkische Präsident Erdogan beabsichtigt, die Todesstrafe einzuführen oder wieder mal die Redakteure einer unliebsamen Zeitung ins Gefängnis werfen lässt. Der philippinische Präsident Duterte Staatsoberhäupter, einen Papst oder auch das EU-Parlament übel beschimpft und zum Mord anstiftet. Ein US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat verbal unter die Röcke von Frauen greift und Ethnien diskriminiert. Ungarns Nationalist Orban Flüchtlinge und Muslime diffamiert und Volksentscheide ebenso wenig akzeptiert wie Vereinbarungen auf EU-Ebene. Oder ein russischer, ranghoher Politiker, der hier namentlich nicht genannt werden soll, Kinder und anderen Zivilisten bombardieren lässt.

Ihnen allen ist doch gemeinsam, dass sich die Welt. oder zumindest große Teile davon, angewidert zeigt von ihnen und ihren Worten und Taten. Was aber ganz offensichtlich nur eine reine Äußerlichkeit ist. Weil dies nämlich keine allzu weitreichenden Konsequenzen hat. So wie einst auch bei einem Gaddafi oder Berlusconi zum Beispiel, die man sich ja auch nicht gerade als Schwiegersöhne gewünscht hätte. Es werden weiter gute Geschäfte gemacht mit ihnen. Niemand kommt auf die Idee, diese Staatsoberhäupter deutlich wissen zu lassen, dass man mit ihnen nichts zu tun haben will. Solange sie sich so aufführen, wie sie sich aufführen.

Aber da ist ja noch der Dialog. Man muss mit den Bösewichten doch reden. Das ist die einzige Möglichkeit, sie doch noch von ihrem Tun abzubringen. Wird zumindest behauptet. Was dann auch immer wieder zu großer Fröhlichkeit bei den betreffenden Staatsmännern führt. Um es im Jugend-Jargon zu sagen: Die schmeißen sich weg vor Lachen. Weil das so ähnlich ist, als würde man einem halloween-mäßig hergerichteten Kürbis gut zureden, dass er nur ja nicht kleine Kinder erschrecken soll.

Ist es nicht eher so, dass es für die entrüsteten Menschen einfach zum guten Ton gehört, sich zu entrüsten? Aber überhaupt kein Handlungsbedarf besteht? Was den Urheber dieser Zeilen natürlich mit einschließt. Sieht es nicht eher so aus, dass man das zwar alles ganz schlimm findet. Es aber viel schlimmer wäre, wenn man den Urlaub streichen müsste? Oder das Gehalt gekürzt werden würde? Ich für meinen Teil habe beschlossen, die Entrüstung runter zu fahren. Die freie Zeit verwende ich jetzt, um mich über die Nachbarn zu ärgern.