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Nachbarschaft

Versuchen Sie bitte, sich das einmal vorzustellen: Im günstigsten Fall klingelt es an der Haus- oder Wohnungstür. Oder die Tür wird gleich eingetreten. Dann stürmen ein paar Männer herein, vielleicht auch ein paar Frauen im Schlepptau, von denen Sie einige sogar kennen. Sie wohnen gleich nebenan. Oder zwei Häuser weiter. Mit der oder dem einen oder anderen haben Sie sogar schon einmal ein Wort gewechselt.

Und diese Menschen fangen jetzt an, Schubladen und  Schränke aufzureißen, sie reißen die Sachen heraus, verstreuen sie auf dem Fußboden. Als Sie oder andere Familienmitglieder protestieren, versuchen dazwischen zu gehen, schubsen sie sie weg, vielleicht so heftig, dass jemand zu Boden fällt. Und irgendwann, eventuell wenn Sie merken, dass jemand etwas herausträgt aus der Wohnung, eskaliert es endgültig.

Jetzt werden Sie an den Haaren gepackt, mit Gebrüll die Treppe hinunter oder vor das Haus gezerrt, es prasseln Schläge auf sie ein. Sie bluten, liegen irgendwann am Boden, spüren kaum noch die Tritte. So geschehen am 8. oder 9. November 1938. Tausendfach. Die einzige Voraussetzung, die Sie erfüllen müssen: Sie und ihre Familie sind jüdischen Glaubens.

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Sehnsuchtsland

Was ist das für ein Land. Hier braucht man keine Angst haben, dass überraschend Populisten eine Wahl gewinnen. Hier gibt es stabile Mehrheiten, die keine, sich über Monate hinziehende Koalitionsgespräche notwendig machen. Und das Soziale scheint hier geradezu zu Hause zu sein. Gibt es doch einige Berichte, dass verschiedene Wähler netterweise gleich die natürlich schon ausgefüllten Wahlzettel von Nachbarn und Freunden mitgenommen und in die Wahlurnen geschmissen haben.

In diesem Land gibt es auch kein andauerndes Gerede, dass die Bevölkerung gespalten wäre. Und wenn es trotzdem mal zu vereinzelten ungerechtfertigten diesbezüglichen Behauptungen kommt, vielleicht sogar der amtierende und natürlich gleichzeitig zukünftige Präsident völlig ungerechtfertigt kritisiert wird, dann sorgt ganz schnell die klare und sehr frische Luft Sibiriens dafür, dass dem oder den Betroffenen der Kopf wieder klar wird.

Und nur vor Neid erblassen kann man, wenn man sich ansieht, welch hohes Niveau die IT-Experten in diesem Land haben. Die schaffen wirklich jede Firewall. Nur wenn es darum geht, Staatsfeinde im Ausland nicht nur mundtot zu machen, stellen sie sich etwas dilettantisch an. Also da könnte dieses Land wirklich noch etwas vom Mossad lernen. Aber dass das noch besser wird, dafür zu sorgen, hat der neue alte Präsident jetzt ja sechs Jahre Zeit. Wenn man das nur auch von einer anderen Großmacht sagen könnte.

Sonntag mit Schneegestöber

Früher war das Leben vielleicht deswegen etwas unbeschwerter, weil man weniger davon wusste. Ich spreche jetzt von einer Zeit, in der es noch kein Internet, also keine Informationen im Sekundentakt gab. Sondern Nachbarn, die eventuell von einem anderen Nachbarn etwas gehört hatten. Weshalb man über eine Magenverstimmung in dem Haus um die Ecke informiert war, aber nichts darüber wusste, was in der nächstgelegenen größeren Stadt passierte. Und wenn, dann mit einer zeitlichen Verzögerung von mindestens ein paar Tagen, wenn nicht Wochen.

Es hat 24 Minuten gedauert, bis ich die ersten Fotos von dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau auf dem Smartphone hatte. Wohl gemerkt, von dem Moment des Absturzes an gerechnet. Wenn einem da nicht der Faschingskrapfen im Halse stecken bleibt. Und natürlich sterben deswegen nicht weniger Menschen, wenn ich nichts über ihren Tod weiß. Aber vielleicht entschließt sich mein Magengeschwür, sich diskret zurück zu ziehen.

Vielleicht brauche ich nicht mehr Aufregung, als der Blick aus dem Fenster beschert, in dessen Viereck sich gerade dicke Schneeflocken erdwärts bewegen. Vielleicht hat man als Mensch einfach nicht genug an Empathie zur Verfügung, um vom Elend auf allen fünf Kontinenten zu wissen, ohne daran Schaden zu nehmen. Vielleicht könnten wir uns besser um unsere Nächsten kümmern, wenn wir nicht so bekümmert wären von Not und Tod auf dem ganzen Erdball.

Schlussverkauf

Nach diesen Tagen und Stunden, die man in besinnlicher Ruhe und harmonischer Zweisamkeit verbrachte, und die nur marginal unterbrochen wurden von dem zweitägigen Besuch des Bruders mit seiner durchaus zahlreichen Familie, den Überraschungsbesuchen der Nachbarn aus dem zweiten Stock und des befreundeten Ehepaars, mit dem wir immer in Urlaub fahren, und unseren Besuchen bei den Schwiegereltern, bei Tante Corinna und Onkel Heinrich, dem kurzen Hallo bei unserem Nachbarn im dritten Stock und dem zufälligen Zusammentreffen mit Meiers aus der 15a, das sich zu Kaffee und Kuchen ausweitete, haben wir uns endlich mal wieder unter die Leute gewagt. Und sind ins Gewerbegebiet gefahren. Weil es dort alle großen Discounter gibt.

Und hatten erst einmal den Eindruck, dass Weihnachten noch gar nicht stattgefunden hat. Weil wir nämlich genauso lange nach einem Parkplatz suchen mussten wie vor den Feiertagen. Und außerdem die Schlangen an den Kassen mindestens genauso lange waren, wie bei den Weihnachtseinkäufen. Zum Glück war unser Sohn mit dabei und hat uns aufgeklärt. Dass nämlich nach Weihnachten gleich der Weihnachts-Sale stattfindet. Was auf Deutsch nichts anderes heißt, als dass alles, was man vor Weihnachten für sündteures Geld gekauft hat, jetzt nur noch die Hälfte kostet. Ich habe meiner Frau vorgeschlagen, nächstes Jahr die Weihnachtsbescherung auf die erste Januar-Woche zu verlegen.                                                                                  

Ländliche Idylle

Also wenn das mal kein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk ist. Da hat das Verwaltungsgericht in Würzburg gerade noch pünktlich vor dem Fest der Liebe entschieden, dass eine Gemeinde für ein einzelnes Kind einen Fahrer und ein adäquates Fahrzeug bereitstellen muss, damit dieses zu Hause abgeholt, in die Schule gefahren und wieder nach Hause gebracht wird. Was man wahrscheinlich nur erreicht, wenn man eine Rechtsschutzversicherung hat. Aber die hat der klagende Vater offensichtlich rechtzeitig abgeschlossen.

Ansonsten scheinen die Eltern des Jungen nämlich aufs Geld schauen zu müssen. Denn obwohl sie in einem kleinen Weiler leben, einige Kilometer von der betroffenen Gemeinde Dammbach entfernt, die übrigens einen finanziellen Ausgleich angeboten hatte, haben sie nur ein Auto. Mit dem der Vater zur Arbeit fährt. Weshalb die arme und bedauernswerte Mutter wohl mit ihrem zweiten, dreijährigen Kind mindestens fünf Tage in der Woche nicht zum Einkaufen kommt und immer nur zu Hause hocken muss. Allem Anschein nach hat sie auch garkeinen Führerschein, sonst könnte sie ja den Mann zur Arbeit und das Kind in die Schule fahren.

Denn während der Arbeitszeit braucht der Mann das Auto nicht. Aber es gibt wohl auch keine Nachbarn oder Bekannten, die das Kind mitnehmen könnten. Vielleicht bis zur nächsten Haltestelle für einen regulären Schulbus. Und so fragt man sich bang, was wohl die Kinder aus diesem Weiler gemacht haben, bevor es ein Recht auf einen Schulbus und Rechtsschutzversicherungen gab. Oder sollten sich die Menschen dort dereinst über die Jahrhunderte hinweg sogar jedem Kinderwunsch verweigert haben, weil es noch keinen Schulbus gab?

Was für ein Glück also, dass wir inzwischen in einem Land leben, in dem man sich nicht fragen muss, was man selber tun könnte. Sondern Gerichte klären lässt, was der Staat tun muss. Zu klären wäre allerdings vielleicht noch von dem Vater, ob das Gefährt, das das Kind zukünftig in die Schule bringt, auch dieselbe Ausstattung wie ein richtiger Schulbus hat. Schließlich gilt gleiches Recht für alle. Gegebenenfalls muss er halt nochmal vor Gericht gehen.

   

Nostalgie

Duckmäuser ist so ein Wort. Ist doch total nostalgisch. Hat einen Hauch von Biedermeier. Warum mir das gerade um vier Uhr dreiunddreißig und am Strand eingefallen ist, bleibt Privatsache. Welche Bedeutung es hat, soll nicht verheimlicht werden. Schließlich kann es Menschen geben, die dieses Wort noch nie gehört haben. Obwohl es von geradezu tragischer Aktualität ist. Laut Duden ist das also „jemand, der seine Meinung nicht zu sagen wagt, sie nicht einer entgegengesetzten entgegenzustellen wagt“. Klingt vielleicht für SMS-User etwas ungewohnt, ist aber einfach. Wir sprechen hier von jemandem, der die Klappe hält. Obwohl ihm so einiges aufstößt respektive aufstoßen sollte.

Genau das ist nämlich die aktuelle Lage. Nicht nur, dass wir selber wissen, was alles im Argen liegt. Wir kriegen es ja auch noch haarklein erklärt, falls Not am Mann ist. Und ich erspare es jetzt mir und allen anderen, auch nur ansatzweise aufzuzählen, was so alles auf den Nägeln brennt. Die Reaktion darauf ist jedenfalls in einem Bereich von – 1 bis + 0,9 auf der Richterskala des Widerstandes. Die übrigens bis zehn geht. Wir aber sitzen mit wenigen Ausnahmen auf unseren wohl genährten Hintern, motzen allenfalls über das miese Essen, die hohen Mieten und den Lärm vom Nachbarn. Schluss der Entrüstung. Was die These beflügelt, dass der Mensch nur geneigt ist, etwas gegen einen Zustand zu unternehmen, wenn es eigentlich schon zu spät ist, also – man verzeihe den Ausdruck, der allerdings auch nostalgisch ist – die Kacke am dampfen ist.

Was, so könnte man jetzt natürlich einwenden, ja eigentlich schon der Fall ist. Aber man darf nicht vergessen, dass es in unseren Tagen in unseren Breitengraden gegen jeden Gestank ein Wohlfühl-Aroma gibt, sei es in der Dose oder als Mitbringsel aus dem Urlaub in einem kleinen bestickten Säckchen. Noch nie gab es so viele Duftzerstäuber wie heute. Da muss man nur mal auf einen unserer Politiker drücken. Also heißt das Motto: zurücklehnen und den Duft genießen. Solange die Scheiße, in der wir stecken, noch nicht den Mund erreicht hat, lässt sich die Illusion ja vielleicht bewahren.

Nachbarschaft

Das ist schon ein bisschen der Fluch dieses weltumspannenden Internets. Nicht einmal an einem Strand ist man vor Ablenkung vom Erholungsurlaub sicher. Natürlich gibt es WLAN. Und so kehrte ich heute, noch immer leicht gerötet und deshalb mehr oder minder bekleidet, dem Meer für einen Moment den Rücken und gedanklich in die Heimat zurück. Anlass die neuesten Meldungen von unserem Maut-Minister. Die wirklich hoffen lassen, dass Deutschland auf dem besten Weg zur Weltmacht ist.

Also so ein Hauch von Supermacht und Trumpismus war da nämlich meiner Meinung nach schon zu spüren, nachdem was der Herr Bundesminister jetzt vom Stapel gelassen hat. Zwar hat er es noch nicht getwittert, wie das große Vorbild, aber zumindest war es ganz offensichtlich so eine Art  Wahlveranstaltung, wo er geredet hat. Im Rahmen eines Brauereifestes. Was auf jeden Fall einiges erklären könnte, aber nicht alles.

Da hat der Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt laut einer durchaus glaubwürdigen, weil CSU-nahen Zeitung nämlich empfohlen, aufzuhören mit seinem Nachbarn zu reden, falls der sich überlege, bei der Bundestagswahl im September SPD zu wählen. Und da kann ich nur sagen, das ist doch schon einmal ein Anfang. Vielleicht gibt es ja als nächstes Verhaltensregeln für Migranten von ihm, falls die nicht die CSU wählen. Nachdem man mit denen ja sowieso nicht reden kann, kann das dann wohl nur eine handfeste Reaktion sein?