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Pet’s Lieblinge

Seit ich im ranken Alter von 17 Jahren Kierkegaard zur Bettlektüre gemacht hatte, weshalb ich regelmäßig zu spät zum Schulunterricht kam, habe ich einen Faible für das Absurde. Allerdings ist Faible nicht ganz zutreffend. Es ist eine Liebe. Die immer noch anhält. Weshalb ich auch alles ins Herz schließe, was oder wer dem Absurden noch ein kleines Krönchen aufsetzt.

Wie zum Beispiel jetzt die AfD. Auf ihrem Parteitag im sächsischen Riesa, dazu gedacht das Programm für die anstehende Wahl des Europaparlamentes festzulegen, hat die Partei beschlossen, dass es Ziel der AfD ist, das Europaparlament abzuschaffen. Für das Parteimitglieder der AfD selbstverständlich kandidieren. Kierkegaard hätte auch seine Freude daran gehabt.

Lebendige Demokratie

Geben wir es doch zu. Haben wir nicht fasziniert und fast ein bisschen neidisch zugeguckt, wenn im Fernsehen Bilder zu sehen waren, wie sich in der Türkei, in Italien oder in Japan Abgeordnete wie richtige Männer benommen haben und mit den Fäusten aufeinander los gingen? Um endlose Diskussionen zu Ende zu bringen. War doch diesbezüglich und bisher der allzu kurze Auftritt von AfD-Chefin Alice Weidel als Rumpelstilzchen in Deutschland der eher frustrierende und einzige Höhepunkt.

Doch nun können wir Hoffnung schöpfen, dass es bald solche Bilder auch aus deutschen Land- und Bezirkstagen oder dem Bundestag geben wird. Jedenfalls ist ein Anfang gemacht. Und zwar, wer hätte das gedacht, im behäbigen Baden-Württemberg, im Landtag. Da wollte die AfD nämlich wissen, wie es denn eigentlich aussieht mit den „linksideologischen“ Einflüssen in Kindergärten. Weshalb im Verlauf der Debatte der AfD-Abgeordnete Stefan Räpple, unverkennbar ein Schwabe, in Richtung SPD sagte: „So sind sie, die roten Terroristen!“

Was ihm einen Ordnungsruf der Landtagspräsidentin einbrachte. Die nicht nur eine Frau ist, sondern auch noch Mitglied der Partei Die Grünen und außerdem Muhterem Aras heißt. Und dann auch noch Herrn Räpple des Saales verwies, weil dieser zu toben angefangen hatte, nachdem ein Abgeordneter von der FDP behauptet hatte, dass die geistigen Vorläufer von Herrn Räpple „im Stechschritt durch das Brandenburger Tor marschiert“ wären. Und die Landtagspräsidentin diese Bemerkung nicht sanktionieren wollte.

Also beschloss Herr Räpple nicht den Saal zu verlassen. Und folgte erst nach langer Diskussion der Aufforderung von zwei Polizisten, die herbeigerufen worden waren. Weshalb dann auch noch der fraktionslose Abgeordnete Wolfgang Gedeon, der sich an der Debatte rege beteiligt hatte, nach zwei Ordnungsrufen durch Frau Aras dieser vorwarf, dass sie so vielleicht „ein Parlament in Anatolien führen“ könne, aber „nicht in Deutschland“.

Was natürlich Humbug ist, denn Frau Aras ist Deutsche und kein AKP-Mitglied und dürfte deshalb nie einem Parlament in Anatolien vorsitzen. Jedenfalls weigerte sich auch Herr Gedeon, nach Ausschluss von der Sitzung den Saal zu verlassen und wartete lieber darauf, dass die Polizei ihn begleitet. Wir sind also ganz offensichtlich auf dem richtigen und besten Weg zu einer – im Wortsinne – lebendigen Demokratie.

Dank, wem Dank gebührt

Es gibt Momente, da muss man einfach einmal alle Fünfe gerade sein lassen und über seinen Schatten springen. Auch wenn es extrem schwer fällt. Deshalb jetzt und hier und ohne wenn und aber der Sprung ins kalte Wasser: Danke, AfD! Ein Dankeschön an Frau Weidel und Herrn Gauland. Nicht zu vergessen Herrn Höcke und all die anderen Funktionsträger dieser Partei, die dafür sorgen, dass kein Zweifel daran bestehen kann, was diese Partei will.

Und ein ganz besonderer Dank natürlich für den Antrag im Bundestag, Texte des gerade aus türkischer Haft freigekauften deutschen Journalisten Deniz Yücel aus früheren Jahren zu rügen. Vorgetragen von ihrem Abgeordneten Gottfried Curio, dem selbstverständlich auch mein Dank gilt. Sie alle haben dazu beigetragen, dass es zu einer Rede des Grünen-Abgeordneten Cem Özdemir kam, die zu der erfreulichen Kenntnis führt, dass dieses Parlament die Bezeichnung immer noch verdient, trotz all der häufigen Dornröschen-Debatten in der Vergangenheit.

Man fühlte sich an jene glorreichen Tage erinnert, als noch ein Herbert Wehner zeigte, dass Emotionen und Politik zusammenpassen. Und es ein Franz Joseph Strauß für eine Zumutung hielt, wenn Politiker mit Floskeln abspeisen.  Weshalb ihm die Antwort Cem Özdemirs auf den Antrag der AfD sicher gefallen hätte. Özdemir hat sich keiner Floskeln bedient, er hat den Abgeordneten der AfD mit einer emotionalen und brillanten Rede mehr als deutlich gesagt, was er von ihnen hält. Das lässt für dieses Parlament hoffen. Es ist ein Anfang.

 

Hier der Link: https://www.stern.de/politik/deutschland/cem-oezdemir-rechnet-in-emotionaler-bundestagsrede-mit-afd-ab-7875706.html