Schlagwort-Archive: Rassismus

Tränen

So anspruchslos bin ich mittlerweile, dass es mir die Freudentränen in die Augen treibt, weil Twitter einem US-Präsidenten, von Autor Paul Auster nur das Monster oder „45“ genannt, endlich mal auf die Finger geklopft hat. Genauer gesagt, Twitter hat zum ersten Mal einen Tweet von therealDonaldTrump mit einem Link versehen, unter dem nachzulesen war, wie die Realität aussieht. Und es kam noch besser. Nach dem Aufruf der Nummer 45 an die Adresse der Nationalgarde, bei Gewalt von Demonstranten in Minneapolis zu schießen, gab es von Twitter den Hinweis, dass dieser Tweet Gewalt verherrliche.

Auslöser für die Ausschreitungen ist bekanntermaßen die Tötung eines afro-amerikanischen Mannes durch einen weißen Polizisten. Weshalb wieder einmal Schwarze und auch ein paar Weiße auf die Straße gehen. Und wahrscheinlich waren es ja gar keine Freudentränen, sondern nur ohnmächtige Wut. Darüber, dass in jenem Land, das dem ganzen Planeten seine „Werte“ oktroyieren wollte und will und sich als Wiege der Demokratie geriert, Rassismus immer noch alltägliche und für Menschen anderer Hautfarbe oder Herkunft tödliche Normalität ist.  

Alles opfern

Man hört und liest ja so einiges. H&M schmeißt neue Klamotten weg. Nestlé gräbt Menschen das Wasser ab. Es soll sogar Firmen geben, die Waffen verkaufen, die dann sonderbarerweise sogar verwendet werden. Doch jetzt habe ich auf YouTube ein Video entdeckt, das zeigt, dass es auch anders geht. Dass es auch große Konzerne gibt, die sich verantwortungsvoll zeigen.

Man erinnert sich vielleicht noch. Football-Spieler, dunkelhäutig, hatten sich beim Abspielen der US-amerikanischen Nationalhymne niedergekniet. Um Rassismus und Polizeigewalt anzuprangern. Und als einer der Erster und unbeugsamsten Colin Kaepernick. Der dann nach Trumps Tweet (Hurensöhne) und anderen Anfeindungen auch als erster keinen Vertrag als Spieler mehr bekam. Sich aber weiter gegen Rassismus und Polizeigewalt engagiert.

Und jetzt ist er trotz aller Anfeindungen durch patriotische US-Amerikaner in einem Werbespot zu sehen. Mit der Botschaft: „Glaube an etwas. Selbst wenn es heißt, alles zu opfern“. Ein Werbespot von Nike. Der in den Werbepausen der National Football League gezeigt wird. Die ersten brennenden Nike-Schuhe werden schon im Netz gepostet. Nike zeigt weiter den Spot. Sorge macht da nur etwas, dass offensichtlich immer mehr die großen Konzerne das übernehmen, was Aufgabe der Politik wäre.

Chemnitz

Chemnitz kann eine einzigartige Geschichte erzählen – von bahnbrechenden Erfindungen im Automobilbau, Maschinenbau oder der Textilwirtschaft ebenso wie von mutigen Unternehmern wie Richard Hartmann, Carl Gottlieb Haubold oder Louis Schönherr. Als moderne Industriestadt hat Chemnitz weiter an dieser Geschichte geschrieben und gehört heute zu den wachstumsstärksten Städten Deutschlands. Die Stadt ist Technologiestandort mit den Schwerpunktbranchen Automobil- und Zuliefererindustrie, Informationstechnologie sowie Maschinen- und Anlagenbau.

Eigene Wege gehen, Neues wagen und Erfindergeist leben, dieses Rezept macht die Stadt und ihre Menschen erfolgreich: In Chemnitz erdacht wurden zum Beispiel die Thermoskanne oder das erste Feinwaschmittel, patentierte Ideen wie tausend weitere. Heute werden hier unter anderem exzellente Maschinen und Produktionsanlagen gebaut, mit deren Hilfe auf der ganzen Welt produziert wird.

Tradition und Moderne spiegeln sich auch in städtebaulich spannenden Gegensätzen wider. Einzigartige Zeugnisse des Bauhauses und der Neuen Sachlichkeit oder der Kaßberg als eines der größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Europas begeistern Architekturfans. Ebenso wie die in den vergangenen 20 Jahren von international renommierten Architekten wie Helmut Jahn, Hans Kollhoff oder Christoph Ingenhoven neu entworfene Chemnitzer Innenstadt.
(Quelle: Homepage der Stadt Chemnitz)

Plakatwände

Wenn ich schon höre, dass ich das unbedingt gesehen, gehört, gelesen haben muss, dann läuten bei mir schon alle Alarmglocken. Und die Scheuklappen werden herunter gelassen. Es soll Menschen geben, die finden, dass ich manchmal etwas schwierig bin. Aber mittendrin ist auch für mich einmal das Leben ganz einfach. Dann springe ich wie ein junges Reh über meine Schatten und tue Dinge, die ich sonst ablehne.

Weshalb ich heute einmal meine uneingeschränkte Begeisterung zum Ausdruck bringen möchte. Wohl wissend, dass das bei manchen Menschen nur zu einem verächtlichen Zucken der Mundwinkel führen wird. Und genau darum geht es. Denn ein einziges Zucken der Mundwinkel von Frances McDormand in dem Film „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ erzählt mehr als ein zweistündiger Monolog.

Und was ihre Schauspielerkolleginnen und -kollegen zeigen, das ist das herrlich düstere und durchaus authentische Bild einer Gesellschaft, die lieber den Tod von Schülern zulässt, als Rassismus und Vorurteile in Frage zu stellen. Untermalt von Bildern, die weniger den Effekt suchen, als vielmehr dazu dienen, eine Geschichte zu erzählen. So schön und anrührend, wie der ganze Film von Trauer, Wut, Mitgefühl und Verstehen erzählt.

Ich hätte mir nicht unbedingt vorstellen können, dass ich jemals diesen Satz an dieser Stelle schreiben würde. Jetzt ist es so weit: Diesen Film empfehle ich allen, die sich für das Leben mehr interessieren als für Facebook-Posts, Smartphone-Videos oder Sonnenuntergänge auf Instagram. Der Film ist wüst, feinnervig, vulgär, eine Zumutung, zärtlich, lustig, zum Heulen traurig – und voller Hoffnung. Also ab ins Kino.

Frauen von rechts

Bravo!, möchte man ausrufen. Jetzt haben es sogar schon die Frauen gemerkt, die ansonsten eher nach alter Tradition den rechten Herd hüten und dann und wann mit auf eine Demo gegen Flüchtlinge mitdürfen, damit sie auch mal an die frische Luft kommen. Sie haben ihr eigenes #metoo gestartet, einen Videoclip auf Youtube gepostet, mit dem sie die Gewalt gegen Frauen anprangern wollen. Nennt sich bei ihnen allerdings #db120, und wenn man sich dieses Video bis zum Ende angetan hat, dann weiß man, dass es vor allem um Ausländerhetze geht.

Was dann allerdings überhaupt nicht mehr wundert, wenn man weiß, dass die aufrechten jungen Frauen, die hier so eindrucksvoll ihr Leid schildern, von der Identitären Bewegung ins Bild gerückt wurden. Einer rechtsextremen Vereinigung, die sich insbesondere der sogenannten sozialen Netze bedient, um durchaus gekonnt gegen alles zu hetzen, was von ihr als links oder liberal verortet wird. Im Fokus natürlich Flüchtlinge, Migranten, der Islam. Weshalb sie selber im Fokus des deutschen Verfassungsschutzes ist.

Eher unbehelligt können sie allerdings bei Youtube, Facebook und Co. agieren. Immer nach deren Motto, dass die Gesetze des Landes obsolet sind, in dem sie viel Geld verdienen. Das sie dort ja auch nicht versteuern. Die Internet-Autokraten kennen nur America first, also die Heimstatt von Ku-Klux-Klan, Rassismus und Ausländerhetze von höchster Stelle. Das Land, in dem man ungestört Hitler und die in seinem Namen begangenen Gräueltaten feiern darf. #db120 bezieht sich übrigens auf die 120 Dezibel eines handelsüblichen Notalarms. § 130 StGB wäre die adäquate Antwort darauf.

Dritter Advent

„You don’t stick a knife in a man’s back nine inches and then pull it out six inches and say you’re making progress …”, sagte Malcom X, Führer einer afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, der 1965 unter Polizeischutz stehend auf offener Bühne erschossen wurde.

Was frei übersetzt heißt: Du rammst einem Mann ein Messer nicht 20 Zentimeter tief in den Rücken und ziehst es dann 15 Zentimeter heraus und sprichst von Fortschritt.

Kniefälle und die Folgen

Anfang Dezember sind es 47 Jahre, dass der damalige Bundeskanzler Willy Brandt in Warschau am Ehrenmal der Helden des Ghettos einen Kranz niederlegt. Dann aber nicht im Stehen verharrte, sondern auf die Knie sank. Daraufhin schrieb der Kolumnist Hermann Schreiber im „Spiegel“, Brandt habe sich damit zu einer Schuld bekannt, an der er selber nicht zu tragen habe, und bitte um eine Vergebung, derer er selber nicht bedürfe. Brandt bekam im Jahr darauf den Friedensnobelpreis.

Der Quarterbeck Colin Kaepernick der Football-Mannschaft San Francisco 49er ging vor einem Jahr ebenfalls in die Knie, als wie üblich im Stadion vor dem Spiel die amerikanische Nationalhymne ertönte. Er allerdings um auf die Schuld hinzuweisen, die wieder einmal weiße Polizisten auf sich geladen hatten, als sie Schwarze erschossen. Sein Vorbild dafür war natürlich der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King, der 1968 von einem weißen Rassisten erschossen wurde.

Kaepernicks Beispiel hat Schule gemacht, inzwischen gehen sogar Fußballspieler in Deutschland auf die Knie, um gegen den Rassismus in den USA zu protestieren. Und es zeigte auch Wirkung bei US-Präsident Trump. Er fragte sein Publikum bei einer Versammlung: „Würdet ihr nicht gern sehen, dass der Eigner einer NFL-Mannschaft sagt, wenn jemand unsere Flagge verachtet: Nehmt den Hurensohn aus dem Spiel! Sofort! Er ist gefeuert!“ Wie allgemein bekannt sein dürfte, hat Kaepernick noch nicht den Friedensnobelpreis bekommen, er wurde entlassen. Einen neuen Verein hat er bisher noch nicht gefunden. 

 

Hautfarbe

Das wirft Fragen auf. Zum Einen, weil diese brutale Prügelattacke hierzulande erst eine Nachricht wert war, nachdem es zu Krawallen gekommen ist, Autos in Flammen aufgingen. Zum Anderen, weil die Berichterstattung in bewundernswert weich gespülter Form daherkommt. Kurz die bekannten Fakten: Polizisten überprüfen im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois die Personalien mehrerer junger Männer schwarzer Hautfarbe. Und dann sind die Darstellungen nicht mehr synchron. Die offizielle und in den Nachrichten hierzulande verbreitete Version lautet, dass eine Person festgenommen werden sollte, weil sie des Drogenhandels verdächtigt wurde. Und sie sich der Festnahme widersetzte.

Auch das wirft Fragen auf. Denn unbestreitbar ist, dass die Polizisten den Mann nicht einfach festnahmen. Vier von ihnen trennten ihn vielmehr von den anderen, brachten ihn außer Sichtweite. Wo sie ihn dann mit Knüppeln zusammen schlugen. Bis einer der Polizisten merkte, dass dort eine Kamera installiert ist. Weshalb sie diesen Bereich verließen. Die Aufnahmen, die im Netz kursieren, lassen allerdings keinen Zweifel daran, dass von einer Gegenwehr des jungen Schwarzen keine Rede sein kann. Die Polizisten prügeln auf ihn ein, während der Mann am Boden liegt. Von vermuteter Polizeigewalt zu sprechen, wie in der Meldung der ARD, ist fast schon zynisch.

Richtig ist hingegen, dass noch überprüft wird, woher die Verletzungen des anschließend auf eine Polizeiwache gebrachten Schwarzen im Analbereich stammen. Nach seiner Darstellung wurde er von einem der Polizisten mit einem Schlagstock vergewaltigt. Und dass es auf Grund dieses Vorgehens von vier Polizisten im Stadtteil Aulnay-sous-Bois zu nächtlichen Ausschreitungen und Demonstrationen gegen Polizeigewalt am Tage kam. Nirgends zu lesen ist allerdings, dass sich Rassismus nicht auf die USA beschränkt. Sondern ebenso in Europa Teil der Kultur ist, sich nicht nur an vielen Stammtischen artikuliert. Und dass es schon mal nicht schlecht wäre, wenn man das Kind einfach einmal beim Namen nennen würde. Aber vielleicht sollte man noch erwähnen, dass unter den vier Polizisten kein Schwarzer war.

Randerscheinung

Der Vorgang an sich ist nicht so aufschlussreich. Rassismus in unterschiedlichsten Ausprägungen artikuliert sich tagtäglich millionenfach. Vom Wort bis zum Mord ist da alles vertreten. Was die verbale Entgleisung einer Angestellten einer Kommune im US-Bundesstaat West Virginia etwas heraushebt aus dem alltäglichen Rassismus in den sozialen Medien zum Beispiel, das ist vor allem die Wahrnehmung der betreffenden Person. Sie schrieb nämlich in einem Post auf Facebook, dass es so erfrischend sein werde, „wieder eine stilvolle, schöne, würdige First Lady im Weißen Haus zu haben“. Eine Aussage, die sich natürlich auf aktuelle Ereignisse bezieht. Und nicht etwa auf die Vergangenheit und die Wahl von John F. Kennedy zum Präsidenten.

Und schon gar nicht auf die von Barack Obama. Denn sie schreibt weiter: „Ich habe es satt, einen Affen mit Stöckelschuhen zu sehen.“ Was einmal natürlich ein Zeichen dafür ist, dass endlich auch wieder nicht nur der kleine Mann von der Straße sondern auch sein weibliches Pendant den Mut hat, frei von der Leber zu reden respektive zu diffamieren. Wesentlicher erscheint mir aber trotzdem die Tatsache, dass besagte Angestellte sich vermutlich mit dem Werdegang der zukünftigen und verehrten First Lady beschäftigt hat. Sie also höchstwahrscheinlich wissen dürfte, dass es in deren Vita manch „schwarzen“ Fleck gibt. Die zumindest Begriffe wie „stilvoll“ und „würdig“  etwas fragwürdig erscheinen lassen.

Doch das stört sie offensichtlich überhaupt nicht. Sie schneidet notfalls einfach ein Stück ab, wenn etwas nicht ins Bild passen will. In ein Bild, das bereits fertig ist. Scheinbar nicht mehr verändert werden kann. Weshalb einem ein Artikel der National Geographic in den Sinn kommt, in dem es heißt: „Wir Menschen sind wunderliche Geschöpfe: schwanzlose Zweifüßer mit krummer Wirbelsäule, langen Gliedern, gewölbten Füßen, geschickten Händen und riesigem Gehirn. Unser Körper ist ein Mosaik aus Eigenschaften, über Jahrmillionen geformt von der natürlichen Auslese. Er ist ungemein leistungsfähig und zugleich sehr anfällig.“ Ganz ohne Zweifel ist das Gehirn des Menschen unbeschadet aller Rückenleiden und Plattfüße der anfälligste Teil dieses Mosaiks.