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Wenn Buben spielen

Fast sieht es so aus, als hätten sie lediglich Spielzeug zu Weihnachten geschenkt bekommen. Und jetzt spielen sie natürlich damit rum. Der Eine stellt zum Beispiel seine Zinnsoldaten in Positur, schließlich hat ein anderer versprochen, Platz zu machen. Voller Begeisterung wird auch dem Flug von Geschossen nachgeschaut, auch wenn sie beim Nachbarn landen.

Nur einer der Buben hat nicht bekommen, was er wollte, weshalb er trotzig in der Ecke steht. Könnte man also sagen, nicht der Rede wert, ist doch schon immer so an Weihnachten gewesen. Wenn diese Kindsköpfe nicht schon ziemlich alt wären. Und die Präsidenten von Israel, der Türkei, Russlands oder der USA. Weshalb die Spiele nicht lustig sind.

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Vergangenheitskultur

Während Barack Obama in Washington freundliche Abschiedsworte an die Nation oder die Presse richtet, hat der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke in Dresden eine wirklich wichtige Rede gehalten. Die Deutsche Presse-Agentur hat Passagen aus dieser Rede im Wortlaut dokumentiert:

„Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“

„Anstatt die nachwachsende Generation mit den großen Wohltätern, den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern in Berührung zu bringen, von denen wir ja so viele haben,…vielleicht mehr als jedes andere Volk auf dieser Welt…, und anstatt unsere Schüler in den Schulen mit dieser Geschichte in Berührung zu bringen, wird die Geschichte, die deutsche Geschichte, mies und lächerlich gemacht.“

„Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß‘ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.“

„Wir brauchen eine Erinnerungskultur, die uns vor allen Dingen und zu allererst mit den großartigen Leistungen der Altvorderen in Berührung bringt.“

„Unser liebes Volk ist im Inneren tief gespalten und durch den Geburtenrückgang sowie die Masseneinwanderung erstmals in seiner Existenz tatsächlich elementar bedroht.“

Auch wenn es etwas kleinlich ist, sollte man den einen oder anderen Aspekt dieser Rede allerdings noch etwas hinterfragen. Schließlich ist der Gedanke nicht so abwegig, dass „unser liebes Volk“ durch den Zweiten Weltkrieg vielleicht etwas elementarer bedroht war als durch den Geburtenrückgang und die Masseneinwanderung. Aber der AfD-Politiker gehört ja noch nicht zu „den bekannten, weltbewegenden Philosophen, den Musikern, den genialen Entdeckern und Erfindern“.

Er hat nach zwei Semestern Jura Sportwissenschaften und Geschichte für Lehramt studiert. Woher soll er es also wissen. Nicht ganz deutlich wurde außerdem, ob er mit den „großartigen Leistungen der Altvorderen“ die weitgehend perfekt organisierte Ermordung von Juden, Sinti und Roma, Kommunisten und anderen politischen Gegnern oder körperlich oder geistig behinderten Kindern meint. Das wäre auf jeden Fall noch zu präzisieren. Wie er das mit dem „Denkmal der Schande“ gemeint hat, daran besteht hingegen keinerlei Zweifel.

Nie wieder!

Selbst auf die Gefahr hin, mit der braunen Suppe in einen Topf geworfen zu werden, es muss einfach einmal gesagt werden, dass man momentan durchaus den Eindruck haben kann, bestimmte Leute hätten eine Rundreise durch Deutschland gebucht. Um an den jeweiligen Etappen mit ernsten Gesichtern an Mikrofone zu treten und immer wieder und seit mehr als einem halben Jahrhundert dieselben Phrasen zu dreschen. Mir jedes Mal aufs Neue erzählen, was ich schon lange weiß.

Halten sie mich für total verblödet? Habe ich Demenz? Ich kann mich noch sehr wohl daran erinnern, dass von den Nazis Millionen von Menschen umgebracht wurden. Und dass auch Menschen daran beteiligt waren, die hinterher von sich behaupteten, keine Nazis gewesen zu sein. Ich habe schließlich stundenlang Gespräche mit einem Buchenwald-Häftling geführt. Und sollte mir doch einmal aus Altersgründen wirklich etwas entfallen sein, so kann ich es in seinen persönlichen Aufschreibungen und ein paar hundert Büchern zum Thema nachlesen.

Es ist richtig und wichtig, dass die Menschen, die es betrifft, sich und andere erinnern. Aber muss ich von Politikern immer wieder und jedes Jahr aufs Neue „Nie wieder!“ hören. Wäre es vielleicht nicht sinnvoller, endlich dafür zu sorgen, dass in den Schulen fundiertes Wissen vermittelt wird, anstatt im Stechschritt durch den Stoff „Drittes Reich“ zu marschieren. Wäre es nicht besser, Menschen endlich dazu zu bewegen, darüber zu sprechen, die diese Gräuel noch miterlebt haben. Aber bis heute zumeist beharrlich und unheilvoll schweigen.

Haben Politiker denn nichts Wichtigeres zu tun als ihre Reden vom Vorjahr zu recyceln? Wäre es nicht sinnvoller, sie würden sich Gedanken machen, wie sie jetzt Gräuel verhindern können? Noch einmal: Opfer des Nationalsozialismus haben alles Recht zu gedenken und zu mahnen. Aber ich sehe keinen Grund, warum Politiker ihnen Redezeit wegnehmen müssen. Nur um zu behaupten, dass sie für ein ganzes Volk sprächen.

Es wäre wichtiger, dass Politiker für die Grundlagen sorgen, dass nie wieder von ihnen „Nie wieder!“ gefordert wird. Ihr „Nie wieder!“ hat jedenfalls bis heute noch nicht erreicht, dass Juden, Muslime, Fremde und andere Andersdenkende in diesem Land vor den neuen und alten Rechten sicher sind. Vielleicht mal Zeit, die Strategie zu ändern?