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Segen der Luftfahrt

Im vergangenen Jahr waren 10.958.904 Menschen mit dem Flugzeug unterwegs. Pro Tag. Was ja auch kein Wunder ist, ein Flug von Frankfurt nach Rom ist mitunter billiger als die Tageskarte für die S-Bahn einer deutschen Metropole. In diesem Zusammenhang sei nebenbei erwähnt, dass man pro Flugreisendem und Flugkilometer getrost 230 Gramm CO² rechnen darf, die in die Atmosphäre geblasen werden.  Weshalb man also wenigstens auf Flugreisen und mit dem CO²-Ausstoß des Transportmittels Flugzeug den Fahrer eines Porsche Panamera übertrumpfen kann.

Aber das Flugzeug als Massentransportmittel hat auch eine ausgesprochen positive Seite. Dank der mehr oder minder zu jeder Tages- und Nachtzeit bevölkerten Flughäfen haben dort auch nicht wenige der immer mehr werdenden Obdachlosen ein neues Zuhause gefunden. Die verschiedenen und teils unterirdischen Ebenen mit Luft- und Lichtschächten bieten gute Möglichkeiten, ein trockenes Plätzchen zu finden. In der Masse der Menschen ist es nicht so schwer, nicht allzu sehr aufzufallen.

In einem konkreten Fall hat sich zum Beispiel ein Obdachloser mit den äußerlichen Insignien eines Geschäftsmannes ausgestattet, also Anzug und Aktentasche. Und nachdem es ja auch blitzsaubere Toiletten und sogar Dusch-Möglichkeiten gibt, ist er zumeist gänzlich unbehelligt in den weitläufigen Gängen und vielen Terminals seines Flughafens eine unauffällige Erscheinung. Die noch nicht einmal Probleme bekommt, wenn er es sich mal auf Sitzen im Abflugbereich für ein kleines Schläfchen gemütlich macht.

Deutschland ist sicher

Wahrscheinlich haben wir das dem neuen Bundesinnen- und Heimatminister zu verdanken. Kaum ist er im Amt, schon fühlt man sich viel sicherer. Wozu natürlich auch solche Ereignisse beitragen. Da wird nämlich ein Mann in einer S-Bahn ohne Fahrschein angetroffen. Und nachdem er auch keine Ausweis-Papiere hat und trotz guter Deutschkenntnisse einwandfrei als Mensch mit Emigrationshintergrund von den Kontrolleuren identifiziert werden kann, diese aber leider nicht die Befugnis haben, den Mann gleich zu verhaften, wird die Polizei zur Unterstützung angefordert.

Der Mann macht zwar keinerlei Anstalten, sich einer weiteren Befragung zu entziehen, aber die Kontrolleure sind trotzdem mehr als erleichtert, als die polizeiliche Unterstützung in Gestalt von 6 – in Worten: sechs – Polizisten eingetroffen ist, um die Personalien festzustellen. Es also zu keinem Blutvergießen kommt, die Bevölkerung nicht in allzu große Gefahr geraten ist, und alle unmittelbar und mittelbar Beteiligten wieder aufatmen können. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt!

Schwarzfahrer

Manchmal sind es die Randnotizen und eher unbedeutenden Begebenheiten, die, einmal in aller Ruhe bedacht, Zuversicht geben und Mut machen können. Vor allem vor dem Hintergrund, dass ja gerade zur Zeit viel gejammert und geargwöhnt wird, was alles an Kosten zu Buche schlägt für Integration, Solidarpakete, Auslandseinsätze oder Ausfallzahlungen für Konzerne beim Atomausstieg oder bei der Braunkohle. Jetzt gab es nämlich ein Vorkommnis, das unmissverständlich zeigt, dass trotzdem noch ein bisschen Geld in der Kasse der öffentlichen Hand ist.

Es ist schon ein paar Tage her, da wurde nämlich in einer S-Bahn in einer Landeshauptstadt ein Jugendlicher kontrolliert und dabei festgestellt, dass dieser keinen gültigen Fahrschein hatte, und seine vier Begleiter vermutlich auch nicht. Und allesamt waren ausgesprochen renitent. Woraufhin der Kontrolleur natürlich die Polizei rief. Was offensichtlich den vier Begleitern missfiel, weshalb sie über die Gleise den Ort der Handlung verließen. Was wiederum der Polizei missfiel, weshalb sie kurzerhand eine Suchaktion startete. Unter Einsatz von mehreren Streifenwagen und eines Hubschraubers.

Rechnet man einmal, dass die Schwarzfahrer, wenn sie gefasst werden, jeweils 60 € Strafgeld zu bezahlen hätten, also insgesamt 240 €, sich aber alleine die Kosten für den Einsatz eines Hubschraubers je nach Typ pro Minute auf mindestens 60 bis 80 € belaufen, weshalb in einer halben Stunde schon mal an die 1800 € anfallen können, so darf man getrost davon ausgehen, dass auf jeden Fall noch genügend Geld in der Staatskasse ist, um mit aller Härte und Konsequenz gegen Schwarzfahrer vorzugehen. Und da soll noch einer behaupten, unser Rechtsstaat wäre in Gefahr.

Städte ohne Bürgersteige

Eigentlich wollte ich heute über eine geniale Idee sprechen. Dass sie von mir stammt, ist dabei noch nicht einmal so relevant. Viel wichtiger: Das könnte unser Gesundheitswesen revolutionieren. Schließlich gibt es Heerscharen von Menschen, die beim Fernsehschauen einschlafen. Ja, es soll sogar welche geben, die gar nicht mehr ohne TV-Geflimmer einschlafen können.

Wie wäre das also, wenn die Gesundheitskassen einen Teil der Fernsehgebühren übernehmen würden, anstatt immer teures Geld für Schlafmittel zu zahlen, von denen man weiß, dass sie Nebenwirkungen haben und insbesondere dazu da sind, die Rendite von Pharma-Konzern-Aktien zu steigern. Sozusagen Fernsehschauen auf Rezept.

Allerdings bedarf es vermutlich eines komplizierten Verteilungsschlüssels, auf den ich jetzt aber nicht näher eingehen kann, weil eine Frau einen jungen Mann mit einem Rucksack in einem kleinen oberbayerischen Dorf am Straßenrand sitzen sah. So lange, dass sie beschloss, ihn zu fragen, warum. Und sie sich zwar nicht verständigen konnten, er aber einen Zettel mit einer Telefonnummer hatte. In Frankfurt. Wo sie anrief.

Und zumindest erst einmal erfuhr, dass später jemand da sein würde, der gut Deutsch sprach. Es war der Bruder des jungen Mannes am Straßenrand. Der aus Syrien kam und eigentlich zu seinem Bruder in Frankfurt wollte, wie sich herausstellte. Woraufhin ihn die Frau kurzentschlossen zum S-Bahnhof fuhr, obwohl das ziemlich weit ist, und einen Fahrschein zum Hauptbahnhof kaufte.

Als sich der junge Mann nicht davon abbringen ließ, ihr deshalb die 50 Euro zu geben, die er hatte, kaufte sie davon eine Fahrkarte für den Zug nach Frankfurt. Sie hat gewartet, bis die S-Bahn kam, und der junge Mann im Zug saß. Also habe ich am Abend alles getan, dass ich nicht beim Fernsehen einschlafe, und ich habe einen Bericht aus Syrien angeschaut. Da haben sie die Stadt Homs gezeigt. Oder besser, das, was davon noch übrig ist. Und dass es sogar noch Menschen gibt, die versuchen, dort zu leben.

Aber es sind nicht mehr allzu viele. Was ich sehr gut verstehe. Vielleicht war der Bericht ja schon einmal gezeigt worden. Und die Frau, die den jungen Mann zum S-Bahnhof gefahren hat, kannte die Bilder schon. Oder sie war einfach nur hilfsbereit. Das soll es ja geben. Ich konnte jedenfalls an diesem Abend noch nicht einmal einschlafen, als ich im Bett lag. Ich muss also meine Idee noch einmal überdenken. Vielleicht sollte es Rezepte fürs Einschlafen nur für bestimmte Sendungen geben.

In aller Eile

Irgendwie kam ich mir gerade vor wie auf dem Bahnhof. Wenn der Zug Verspätung hatte. Und ich noch die U-Bahn erreichen muss. Damit ich dann rechtzeitig die S-Bahn erwische. Weil ich nämlich am Zielbahnhof mit dem Auto abgeholt werde. Von einer Person, die nicht auf mich warten könnte, wenn ich eine S-Bahn später kommen würde. Weil sonst nämlich die Kinder nicht rechtzeitig von der Schule abgeholt werden können. Kurzum, ich war in Eile.

Und ich bin kein Einzelfall. Wir können uns fast alle dies und das leisten, viele auch noch einiges mehr. Nur scheint kaum noch einer Zeit zu haben. Weil wir immer so beschäftigt sind. In Eile. Trifft man jemand in der Straße, lange nicht mehr gesehen, fragt ihn spontan, ob er keine Lust hat, einen Kaffee trinken zu gehen, löst man Erstaunen aus: „Was, jetzt?“

Geht nicht. Er muss gerade dringend etwas erledigen, und dann trifft er sich mit X und geht anschließend mit ihm zu Y. Was natürlich daran liegen kann, dass Z. nicht mit mir Kaffee trinken gehen will. Aber immerhin, nächste Woche, Freitag, da ginge es bei ihm. Aber da muss ich schon zu einer Vernissage. Wir haben uns dann nach einem Blick auf den Terminkalender auf dem Smartphone für die zweite Novemberwoche verabredet. Immerhin noch in diesem Jahr.

Wir sind von der Uhr und Terminen getaktet. Wir haben kaum mehr die Freiheit, etwas nicht zu tun, weil wir etwas anderes tun wollen. Einfach so. Weil wir Lust haben. Dafür haben wir keine Zeit mehr. Auch wenn wir seltsamerweise Stunden mit Tätigkeiten verbringen, die bei näherem hinsehen jetzt vielleicht nicht so weltbewegend sind, dass man nicht darauf verzichten könnte. Aber zumindest sind wir immer auf dem neuesten Stand, was die Menschen machen, für die wir gerade keine Zeit haben.