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Es ist feige

Es hat nichts mit Mut zu tun, wenn man sich in die Luft sprengt, um Kinder und Jugendliche zu ermorden. Man ist auch kein Märtyrer, wenn man glaubt, dass das irgendeinem Gott gefallen könnte. Man ist einfach nur feige. Aber es gibt auch zu viele andere Menschen, die feige sind. Jene nämlich, die den Mund halten, obwohl sie wissen, dass da einer anfängt, verrückt zu spielen. Wir alle sind feige, Bürger wie Politik, die wir uns Mut machen mit dem in Dauerschleife herunter gebeteten Satz, dass die Terroristen gewinnen würden, wenn wir uns den Spaß an Konzerten, Straßencafés oder Fußballspielen verderben lassen würden.

Denn insgeheim glauben wir nur krampfhaft, dass es hoffentlich immer nur die Anderen treffen wird. Anstatt den Mut zu haben, allen laut zu widersprechen, die Hass säen. Ob an unseren Stammtischen, in den Internet-Foren oder Moscheen. Die Wahrheit ist, dass wir es mit einem Schulterzucken hinnehmen. Wir es noch nicht einmal versuchen, gegen feigen Terror wirklich zu kämpfen. Ich will niemandem seine Betroffenheit absprechen. Aber eigentlich könnten wir sie uns sparen. Sie kommt mir inzwischen nur noch wie ein Ritual vor. Das unsere Feigheit kaschiert, wenigstens den Versuch zu unternehmen, etwas zu tun.

 

P.S.: Nach einigen Stunden mit gefühlt zehntausend Kommentaren sei mir noch eine Anmerkung gestattet. Terroranschläge sind ebenso wenig unvermeidlich wie dies Autounfälle oder Drogentote und die Folgen von Alkohol sind. Es gibt zumindest die Möglichkeit zu versuchen, sie zu vermeiden. Sie sind kein Naturereignis. Sondern von Menschen zu verantworten.

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Menschliche Fähigkeiten

Eine der menschlichen Eigenschaften ist die Fähigkeit zu differenzieren. Vielleicht nicht gerade bei Ausländern im eigenen Land. Aber auf jeden Fall, wenn es darum geht, Empathie zu zeigen, Verbundenheit. Und natürlich Betroffenheit. Schließlich kann man nicht alle über einen Kamm scheren. Der Sohn ist mir näher als der Neffe. Die Ehefrau Kraft des Ehegelübdes näher als die Nachbarin. Mein Hund ist mir näher als der Affe im Labor. Anders geht das auch gar nicht. Deshalb ist Belgien auch näher als die Türkei. Und vom Kongo weiß man auf Grund der Entfernung gar nicht, dass dort in der jüngeren Zeit millionenfach Frauen und Kinder vergewaltigt wurden und werden.

Deshalb ist jetzt auch die große Frage, ob Deutsche unter den Attentatsopfern in Istanbul sind. Sollte es sich heraus stellen, dass keine deutschen Urlauber oder Geschäftsleute betroffen sind, können wir uns wenigstens morgen wieder auf das EM-Spiel zwischen Deutschland und Italien freuen. Mehr als ein Tag Betroffenheit und Fassungslosigkeit ist auf Grund der derzeitigen Entfernung zwischen Berlin und Ankara auch nicht erforderlich. Außerdem kann es ja heute Abend zu einem Unwetter im Bayerischen Wald kommen.

Was mich aber besonders interessieren würde, das ist eine Antwort auf die Frage, wie Selbstmordattentäter differenzieren. Denn erstaunlicher Weise scheint es  bei ihnen anders zu laufen. Ist ihnen doch im Moment der Tat der unbekannte Passant näher als Frau und Kind oder Nachbarn. Andererseits ist häufig die Tendenz nicht zu leugnen, für Attentate durchaus die Nähe von Glaubensbrüdern zu suchen. Von Landsleuten. Was den Schluss nahe legen würde, dass Selbstmordattentäter nicht differenzieren können. Ich befürchte sogar, dass ihnen noch andere menschliche Fähigkeiten fehlen.

Überlebensstrategien der Psyche

Es sollte das Thema für den nächsten Tag werden. Die Radiosendung war plötzlich unterbrochen worden. Ein sehr, sehr seltener Vorgang. Mit der Meldung, dass es Bombenalarm für das Pariser Hotel gegeben hätte, in dem die deutsche Fußballnationalmannschaft vor dem Freundschaftsspiel gegen Frankreich logierte. Dass das Hotel evakuiert werden würde. Dann wenig später die Entwarnung, es sei kein Sprengstoff im Hotel gefunden worden. Typisch, so meine Reaktion. Wenn in Beirut ein Selbstmordattentäter 40 Menschen ermordet, es mehr als 200 Verletzte gibt, dann wird bei uns keine Sendung unterbrochen. Aber wenn es Bombenalarm gibt im Hotel der deutschen Fußballnationalmannschaft. Dazu muss einmal etwas gesagt werden. Denke ich mir, und ich mache mir eine erste Notiz.

Am Abend ist das Spiel der beiden Mannschaften noch nicht so wirklich spannend, als etwa 20 Minuten nach dem Anpfiff ein Knall zu hören ist. Fünf Minuten später ein zweiter. Vielleicht haben irgendwelche Chaoten Kracher gezündet. Kommt ja bei Fußballspielen vor. So richtig zündend wird das Spiel der deutschen Nationalmannschaft deswegen auch nicht. Es sieht nach Fußball-Langeweile aus. Dann der erste Hinweis des Moderators, dass es wahrscheinlich doch keine Böller waren. Das Wort Explosion fällt. Ich schalte auf einen französischen Kanal. Und von Minute zu Minute wird mir immer klarer, warum eine Radiosendung nicht unterbrochen wird, wenn in Beirut ein Selbstmordattentäter 40 Menschen ermordet.

Es ist keine gewollte Diskriminierung. Es ist die Nähe. Je näher uns etwas ist, desto größer das Interesse. Desto mehr sind wir beteiligt. Betroffen. Denn wir sind sowieso schon überfordert. Es gibt kaum mehr ein Unglück auf dieser Welt, von dem wir nicht erfahren. Kein Elend, von dem wir kein Bild vor Augen haben. Kaum ein Verbrechen, über das nicht berichtet wird. Es gehört offensichtlich zur Überlebensstrategie der Psyche, Geschehen zu gewichten, auszublenden, zu den Akten zu legen. Einen Radius anzulegen. Bis die Psyche dann auf einmal doch mit ihrem Latein am Ende ist. Uns ein Ereignis so nahe kommt, dass es nicht mehr abperlen kann, es sich in den Poren festsetzt, im Kopf einnistet, die Bilder einfach nicht verblassen wollen.

Und uns offensichtlich so sehr paralysiert, dass wir das Wichtigste in diesen Momenten vergessen. Denn es ist wichtig, dass wir Empathie zeigen können. Dass wir uns solidarisch zeigen, Trauer empfinden, Wut vielleicht. Doch wäre es nicht viel wichtiger, endlich einmal Konsequenzen zu ziehen? Etwas grundlegend zu verändern, wenn die erste Starre gewichen ist? Anstatt nach einiger Zeit wieder zum Alltag zurück zu kehren. Und mehr oder minder auf das nächste Unglück zu warten. Wäre es nicht wichtig, uns einfach zu überlegen, ob wir alles tun wollen, um vor allem nur unseren Wohlstand zu bewahren? Oder das Mögliche, um Menschenleben zu retten? Und vielleicht nicht nur die in unserer Nähe. Ich habe keine Antwort auf die Frage, ob Menschen dazu in der Lage sind.

Angst vor der Angst – La peur de la peur

Erst war es nur ein Fußballspiel. Ein Freundschaftsspiel. Dann hörte man zwei Explosionen. Dann war es kein Fußballspiel mehr. Weil man schon wusste, dass etwas geschehen war. Dass zumindest eine der Explosionen durch einen Selbstmordattentäter verursacht worden war. Dass an mehr als sechs Orten in Paris auf Menschen geschossen worden war. Auf Passanten, Menschen, die in einem Restaurant aßen, in einem Café saßen. Dass im Bataclan, einer Lokalität, in der ein Konzert stattfand, Geiseln genommen worden waren.

Was sich vergangene Nacht in Paris ereignete, ist nicht schrecklicher als ein Attentat in Beirut, Bagdad oder Kabul. Oder der Krieg in Syrien, Daesh im Irak. Doch wovor ich jetzt Angst habe, das ist die Angst. Die Angst vor weiteren Attentaten. Und die Reaktionen darauf. Vor der Angst, die aus dem Hass entsteht. Und zu Hass werden kann.

Dann sind auch wir Geiseln. Zwar nicht vom Tod bedroht, wie die Menschen in den Straßen und Lokalen in Paris. Aber zumindest auf einem guten Weg, unter Umständen auch so zu hassen, auch zu Mördern zu werden. Vielleicht sollten wir zeigen, dass wir zwar Angst haben. Aber nicht genug, um uns den Hass aufzwingen zu lassen. Nicht genug, um selber zu Mördern zu werden. Und dass wir schon gar nicht genug Angst haben, um die Mörder weiter morden zu lassen. Vielleicht sollten endlich alle zeigen, dass Solidarität mehr ist als ein Wort. Und Europa mehr als ein Kapitalmarkt.