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Sonntag mit Schneegestöber

Früher war das Leben vielleicht deswegen etwas unbeschwerter, weil man weniger davon wusste. Ich spreche jetzt von einer Zeit, in der es noch kein Internet, also keine Informationen im Sekundentakt gab. Sondern Nachbarn, die eventuell von einem anderen Nachbarn etwas gehört hatten. Weshalb man über eine Magenverstimmung in dem Haus um die Ecke informiert war, aber nichts darüber wusste, was in der nächstgelegenen größeren Stadt passierte. Und wenn, dann mit einer zeitlichen Verzögerung von mindestens ein paar Tagen, wenn nicht Wochen.

Es hat 24 Minuten gedauert, bis ich die ersten Fotos von dem Flugzeugabsturz in der Nähe von Moskau auf dem Smartphone hatte. Wohl gemerkt, von dem Moment des Absturzes an gerechnet. Wenn einem da nicht der Faschingskrapfen im Halse stecken bleibt. Und natürlich sterben deswegen nicht weniger Menschen, wenn ich nichts über ihren Tod weiß. Aber vielleicht entschließt sich mein Magengeschwür, sich diskret zurück zu ziehen.

Vielleicht brauche ich nicht mehr Aufregung, als der Blick aus dem Fenster beschert, in dessen Viereck sich gerade dicke Schneeflocken erdwärts bewegen. Vielleicht hat man als Mensch einfach nicht genug an Empathie zur Verfügung, um vom Elend auf allen fünf Kontinenten zu wissen, ohne daran Schaden zu nehmen. Vielleicht könnten wir uns besser um unsere Nächsten kümmern, wenn wir nicht so bekümmert wären von Not und Tod auf dem ganzen Erdball.

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Spielend lernen

Jetzt kommt sie wieder, diese wunderschöne Zeit. Wenn am Sonntag die ganze Familie am Nachmittag nach dem Kaffeetrinken in der Wohnstube bei einer flackernden Kerze zusammen sitzt, weil der Vater immer noch nicht die Fenster abgedichtet hat. Der ausnahmsweise auch mit dabei ist und mit seiner Zeitung im Lehnstuhl sitzt. Sein Dritt-Liga-Lieblings-Fußball-Verein hat schon Winterpause.  Doch die Mutter hat eine gute Idee gehabt, da kann er sogar mitmachen, sein Talent als Handwerker in die Waagschale werfen: Sie bastelt mit den Kindern ein Haus.

Das hat sie im Internet gesehen. Und die Idee kommt von einer Firma namens NERF. Deren Produkte man auch beim Internet-Versandhandel bestellen kann. Dann muss man nur noch ein Haus basteln mit verschiedenen Etagen und großen Fenstern bis zum Boden. Das ist wichtig, denn nur so kann man dann auch die Spielzeugfiguren gut sehen, die man in die Fenster stellen soll. Sonst kann man sie ja nicht mit dem NERF Rebelle Blaster mit Lichtstrahl, hoher Schussweite und den AccuStrike Darts nacheinander abschießen.

Was übrigens durch eine „Aufbewahrung für schnelles Nachladen“ sehr erleichtert wird und noch eine Steigerung durch den N-Strike Elite Modulus Tri-Strike Blaster erfährt. Dieses Spitzenmodell ist neu auf dem Markt und bringt dank freier Wahl der Dart-Typen und dreier verschiedener Schussarten „volle Flexibilität in jedes NERF Battle“. Außerdem lassen sich mit einer Reihe von Zubehörteilen die „Blaster ganz individuell zusammenstellen“. Laut Angaben des Herstellers liegt das Mindestalter für den Einsatz mit den „gigantischen Blastern“ bei 36 Monaten. Natürlich auch für den Häuserkampf.

Wellenspiele

Eigentlich hatte ich ja für heute eine kleine Strafpredigt angedacht. Schließlich ist ja Sonntag. Aber dann haben mich die nicht immer ganz so sozialen Medien mit einer Amtsrichterin aus Meißen bekannt gemacht. Und ich musste erkennen, dass vieles in diesem, unseren Lande weniger beunruhigend ist, als ich dachte. Stichwort „Meinungsfreiheit“. Ein hohes Gut in unserer Demokratie. Natürlich auch für eine Familienrichterin. Nur zur Information: Meißen liegt in Sachsen. Weshalb die Richterin auf Facebook postete, wie traurig und zunehmend empörend es sei, „wie wir aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden“. „Wir“, das ist wohl das Volk, das sich Alexander Gauland zurückholen möchte. Und der öffentliche Raum ist offensichtlich ein Freizeitbad in Meißen, aus dem die Amtsrichterin durch „Kopftücher, Schleier, Verhüllung“ vertrieben wird.

Die „im Übrigen mit Religion nichts zu tun“ haben, wie die Richterin auf Facebook schreibt. Und dass sie es ablehne, den Islam als Religion zu „qualifizieren“. Von einer großen Tages- und Familienzeitung mit Bildern darauf angesprochen, stellte die Amtsrichterin dann allerdings entsetzt fest, dass ihr Facebook-Account gehackt worden sei. Was aber offensichtlich für sie kein Grund war, diesen oder Einträge über „Flüchtlinge“ zu löschen. Ihr Kommentar: „Sie sind aber weder rechtsradikal noch strafrechtlich relevant.“ Und dass sie sich nicht den Mund verbieten lasse. Weshalb auch einer ihrer Geburtstagswünsche war, dass die Bundesregierung zurücktreten möge.

Und während im Bundestag vier Parteien verhinderten, dass ein AfD-Politiker, der ebenfalls den Islam nicht als Religion „qualifiziert“, Bundestagsvizepräsident wird, besteht laut dem Vorgesetzten der Amtsrichterin derzeit „kein Anlass, an den Angaben von Frau Kutscher zu zweifeln“. Es war dem entsprechenden Medienbericht leider nicht zu entnehmen, ob er damit das Hacken des Facebook-Accounts meinte, oder die Sichtweise der Amtsrichterin, dass der Islam keine Religion sei. Auf jeden Fall ist es ein beeindruckender Beweis, dass für die Justiz zumindest in Sachsen das im Grundgesetz verankerte Recht auf Meinungsfreiheit das höchste Gut ist.

Sonntagsruhe

Es gibt Momente und Gelegenheiten, da ist es überhaupt kein Vergnügen, wenn sich Erwartungen erfüllt haben. Also ganz im Gegensatz zu jenem Weihnachten, als man sich etwas ganz bestimmtes gewünscht hatte, und es dann auch wirklich auf dem Gabentisch lag. Aber soll man deswegen keine Erwartungen mehr haben? Auch wenn es mit fortschreitendem Alter immer häufiger Erwartungen sind, die sich an der Realität und an den Erfahrungen orientieren, also nicht mit Begriffen wie „froh“, „schön“ oder „freudig“ verknüpft sind?

Ich halte es für eine der Errungenschaften des Alters, dass man im günstigsten Falle oft näher an der Realität ist, sie leichter erträgt, sie nicht mehr übertünchen, einfärben muss. Was ja einer gewissen Logik nicht entbehrt. Man hat schließlich schon zu viel und zu oft gesehen, um es noch leugnen zu können. Man hat sich im günstigsten Fall an die Schizophrenie gewöhnt. Dass es die schrecklichste aller Welten ist. Und auf der anderen Seite die schönste. Und dass der gemeinsame Nenner der Mensch ist.

Was nicht bedeutet, dass man alles hinnehmen muss. Aber man kann Erwartungen eben entsprechend realistisch ausrichten. Auch wenn es dann nicht immer ein Vergnügen ist, wenn sie sich erfüllen. Aber immerhin gibt es ja auch noch Überraschungen. Selbst dann, wenn einem spontan aus der jüngeren Zeit keine einfällt. Warum also die Zeit vergeuden mit Dingen, die man nicht ändern kann. Lieber Zeit und Kraft auf das verwenden, was verändert werden kann. Ich zum Beispiel, ich trage jetzt den Müll runter. Obwohl ich das sonntags noch nie gemacht habe.

Sonntag

All die Namen und Bilder lassen sich wunderbar hinter einer gewissen Restmüdigkeit und dem fast schon frühlingshaft anmutendem Sonnenschein unsichtbar machen. Die Trägheit des Kopfes bekommt der Sicht auf die Welt ausgesprochen gut. Obwohl noch winterlich gemalt, strahlt sie eine Harmonie aus, die dem Ansturm von Realität nie standhalten könnte. Doch bleiben die Geräte still, die mit all dem Zorn und der Wut und der Traurigkeit verbinden, lässt sich hinter einer beschaulichen Lektüre oder dem Blick auf eine Wiese für eine gewisse Zeit etwas Friedvolles vermuten. Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Zustand limitiert ist. Ich beeile mich ein bisschen, damit ich ihn nicht aus den Augen verliere.

Sonntagsfahrer

Manchmal fahre ich sonntags aufs Land. Entweder weil schönes Wetter ist. Und die Luft dort draußen besser als in der Stadt. Wo so viele Autos mit Schummel-Software rumfahren. Oder aber weil jemand anderes dort etwas zu tun hat. Bei diesen Gelegenheiten ist mir etwas aufgefallen. Dass es nämlich viele Männer gibt, die ebenfalls in der Gegend rumfahren. Aber ganz alleine in ihren Autos sitzen. So als wäre ein Werktag, und sie würden zur Arbeit fahren. Mit ihren Autos mit oder ohne Schummel-Software.

Ich habe lange über dieses Phänomen nachgedacht. Jetzt habe ich das Rätsel gelöst. Der Sonntag ist ganz besonders auf dem Land traditionell ein Schwiegermutter-Schwiegervater-Schwiegertochter-Schwiegersohn-Besuchstag. Mit Kaffee und Kuchen und so. Wo stundenlang über die neuesten Ergebnisse schulischer Bemühungen der putzigen Enkelkinder geredet wird. Außerdem über alle Krankheiten und ihre Symptome, die neu hinzugekommen sind, und die Entwicklung derer, die beim letzten Besuch schon akut waren. Und natürlich darüber, wer seit dem letzten sonntäglichen Besuch gestorben ist, geheiratet hat oder putzigen Nachwuchs bekommen hat.

Alleine in ihren Autos sitzende und planlos durch die Gegend fahrende Männer am Sonntag sind eine direkte Auswirkung dieser Besuche. Schließlich ist der Sonntag der einzige und wirklich freie Tag für einen Mann. Nachdem er samstags Auto waschen und Sportschau schauen muss, im ungünstigsten Fall auch noch eine Einkaufstour abzuarbeiten hat. Und nachdem so ein Besuch von Allem, was ein „Schwieger“ in der Bezeichnung hat, eigentlich noch anstrengender ist als Arbeit, bleibt dem Mann nur die Flucht auf die Straße, wenn er sich etwas erholen will. Doch wenn er Glück hat, dann hat wenigstens der örtliche Fußball-Klub ein Heimspiel. Ein Fußballplatz ist für Männer auch sehr erholsam.