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Eingeschränkte Bewegungsfreiheit

Ich finde, man merkt es vor allem auch bei den Kommentaren im Internet. Das Echo zu den Ereignissen in diesen Tagen ist einfach nicht so groß wie zu anderen Zeiten. Einmal abgesehen von der Schar jener, die ganz offensichtlich niemand anderen mehr zum Reden hat, weshalb die Internet-Foren die letzte Zuflucht sind, um nicht vollends zu vereinsamen, viele andere scheinen anderweitig beschäftigt. Obwohl es ja kein Problem wäre, an der Kasse im Outlet-Center schnell mal ein paar unflätige Bemerkungen zu posten. Und Gründe genug gäbe es ja.

Aber wahrscheinlich liegt es auch daran, dass die Problemlage momentan irgendwie heikel ist. Weil Trump mit seiner Erklärung, dass die US Jerusalem, das Israel im Rahmen des Sechstagekrieges 1967 annektierte, als Hauptstadt Israels anzuerkennen, ja eigentlich den Friedensprozess anstoßen wollte. Auch wenn das Angesichts von toten und hunderten verletzten Palästinensern nicht so ganz gelungen scheint. Auf jeden Fall verbietet sich hier wieder mal jegliche Kritik, wenn man nicht als Antisemit dastehen möchte.

Und möchte man nicht als Totengräber der Sozialdemokraten gelten, dann darf man sich noch nicht einmal über ihr Gezerre um die Regierungsverantwortung positionieren. Oder sich darüber mokieren, dass es der SPD offensichtlich wichtiger ist, sich zu digitalisieren, als sich klar und deutlich für etwas zu entscheiden. Wie man sich auch sonst nicht dazu äußern möchte, dass zwar alle davon sprechen, dass es um Deutschland ginge. Aber keiner sagen will, dass es um Posten geht, um Personen, um Machterhalt – oder das Greifen nach der Macht. Und Deutschland eigentlich relativ schnuppe ist. Schließlich hat das ja noch nie jemand interessiert.

Was wirklich zählt in diesen Tagen, das ist die Sonderausstattung von Audis Q2, Q3, Q5 und Q7. Und natürlich der beste Preis für Smartphones der neuesten Generation. Was es bei Zara so alles gibt. Und ob man jetzt an Sylvester nach Miami fliegen soll. Oder doch lieber nach Dubai. Die Planung für Weihnachten sollte übrigens schon abgeschlossen sein, Städtereisen sind dem Vernehmen nach schon restlos ausgebucht. Mal abgesehen von Castrop-Rauxel oder Tirana. Außerdem muss auch mit Versorgungsengpässen gerechnet werden. Original Dresdener Weihnachstollen zu 12 Euro 50 für 100 Gramm könnte knapp werden.

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Vorfreude

Man glaubt, es schon klingeln zu hören. Obwohl man ja nie so genau weiß, ob es jetzt das Glöckchen am Hals von Rudolph, dem Rentier, ist. Oder vielleicht doch eher das Klingeln der Kassen, im Jahrhundert 2.1 natürlich elektronisch hergestellt. Auf jeden Fall muss man nicht mehr in den Kalender schauen, es genügt ein Blick in Supermärkte und anverwandte Geschäfte, um zu wissen, was es geschlagen hat. Und es ist zwar noch nicht Fünf vor Zwölf, das ja sowieso aus der Mode zu kommen scheint, schließlich ist es ja sogar schon für den Klimawandel eher Fünf nach Zwölf. Aber so langsam drängt die Zeit.

Denn schließlich muss ja alles auf den Punkt gebracht werden. Der Weihnachtsbraten. Die Geschenke. Die festlich-romantisch-nostalgisch-wehmütig-depressive Stimmung. Ganz zu schweigen vom Outfit und der Weihnachtsdeko. Es wird also auch in diesem Jahr alle Jahre wieder sein, es wird Last Christmas geben, Weihnachtsstollen mit Palmöl – und den Satz, dass der Umtausch natürlich möglich sein und das Geschenk, das man bekommen hat, ein heimlicher Traum sei. Nie wird mehr gelogen, als an Weihnachten. Aber mit einer guten Absicht. Die dann nur der Alkoholpegel im Verlauf des Abends etwas zunichtemacht.

Was allerdings nicht daran hindern wird, dass auch dieses Fest als eines der schönsten Weihnachtsfeste in die Familien-Annalen eingehen wird (wer hier ein Wortspiel vermutet, sollte bitte daran denken, dass sich Anus mit einem „n“ schreibt und Weihnachten für Satire eher ungeeignet ist, das sie die Realität überflügelt). Kurzum, die Vorfreude darf groß sein, und im Bedarfsfall kann man ja Sylvester in Bangkok feiern. Genießen wir also die 42 Tage, die heute, am 13. November, noch vor uns liegen. Und falls heute zufällig die Erinnerung an den Terroranschlag vor zwei Jahren in Paris dazwischen kommt: einfach was auf facebook posten. Und dann weiterfreuen.

 

Ein Jahr geht zu Ende

Crisis? What crisis? So hat die Gruppe Supertramp das Nachfolge-Album von „Crime of the Century“ genannt. Damals, als man noch schwarze Scheiben auf einen rotierenden Teller legte, um Musik zu hören. Und diese Frage, von welcher Krise hier denn überhaupt die Rede sei, erscheint mir beim Rückblick auf das Jahr 2015 und die Menschen, die in diesem kleinen Hafen der Glückseligkeit namens Deutschland leben, aktueller denn je. VW-Krise. Flüchtlingskrise. Euro-Krise. Kaum war irgendetwas passiert, das eine Verschiebung des TV-Abendprogramms nach sich zog, war schon von einer Krise die Rede. Verbunden mit bedeutungsschwangerem Blick im günstigsten Falle, zumeist aber mit einem hysterischen Unterton.

 

Zeit also, im alten Jahr noch einmal das Wörterbuch aus dem Regal zu holen. Um zu erfahren, dass „crisis“ lateinischen respektive alt-griechischen Ursprungs ist und „entscheidende Wendung“ bedeutet. Erst in einem Fremdwörterlexikon wird es zu einem „Höhepunkt einer gefährlichen Entwicklung“ respektive „gefährlichen Situation“. Schauen wir uns also einmal die schwerwiegenden Konsequenzen an, die sich aus all diesen „gefährlichen Entwicklungen“ ergeben haben.

 

Überraschenderweise werden immer noch VWs gebaut und verkauft. Obwohl man sich in manchem Stau und bei mancher Autobahnfahrt wünschen würde, dass dem nicht so wäre. Geradezu enttäuschend auch, dass wir immer noch und das nun wirklich nicht weniger als früher mit dem Euro Tonnen von Feuerwerk kaufen, kiloweise Gourmet-Menüs erstanden und ungebrochen mit dem Euro den Urlaub finanziert haben. Und ebenso wenig ist bekannt geworden, dass nun tausende von rechtschaffenen deutschen Bürgern unter den Brücken hausen müssen, weil die vielen Flüchtlinge zu uns gekommen sind. Im Gegenteil, dank der Flüchtlinge haben es einige „Promis“ endlich mal wieder in die Schlagzeilen und Talk-Shows geschafft.

 

Deshalb ist das die gute, wenn nicht sogar beste Nachricht des Jahres 2015: Das Wort Krise hat trotz geradezu inflationären Gebrauchs keine tiefer gehende Bedeutung mehr. In diesem Jahr hat es jedenfalls keine einzige Krise geschafft, eine wirklich entscheidende Wendung herbeizuführen. Nie konnte von einer wirklich gefährlichen Situation die Rede sein, wenn von Krise gesprochen wurde. Also müssen jetzt entweder die Wörterbücher umgeschrieben werden. Oder wir und insbesondere unsere so sehr auf unser Wohl bedachte Politikerinnen und Politiker fangen vielleicht doch endlich einmal an sich zu überlegen, was sie sagen. Und hören vor allem auf, mit der Angst zu spielen.

 

 

Frohe Botschaft zum Jahresende

Nachdem ich jetzt in einer 24-Stunden-Aktion die Blogeinträge und somit die Ereignisse des gerade vergehenden Jahres einmal habe Revue passieren lassen, bin ich zu einem Entschluss gekommen. Basierend auf der unleugbaren Tatsache, dass es fast ausschließlich Themen waren, die nicht gerade zur Erbauung geschweige denn zu Frohsinn und allzu viel Heiterkeit Anlass gaben. Ganz im Gegenteil. Was auch erklären würde, warum die weltweite Verbreitung nicht in dem angestrebten Ausmaß stattgefunden hat.

Und ich habe volles Verständnis dafür, dass die Menschen da draußen lieber nach den angenehmen Seiten ihres Lebens suchen. Haben sie doch einfach alle schon genug Elend vor der Haustür respektive auf dem Bildschirm ihres LED-Smart-TV mit 50-Zoll-Diagonale. Weshalb ich mir fest vorgenommen habe, im kommenden Jahr nur über die positiven Seiten des Lebens zu bloggen. Über Ereignisse, die das Herz aufgehen lassen, fröhlich stimmen; die aufzeigen, dass es nicht nur Lug und Betrug, Leid und Not, Angst und Schrecken, Tod und Krankheit gibt.

Was natürlich bedeuten kann, dass ich kaum noch über Ereignisse schreiben kann, an denen Menschen beteiligt sind. Aber es gibt ja noch die Natur, die Tiere und Pflanzen. Zudem ist es ja oft auch nur eine Frage der Perspektive, der Sichtweise, der Einstellung. Die sich in dem geläufigen Beispiel wiederfinden, dass der eine Mensch von einem halbleeren Glas spricht. Und der andere eben von einem halbvollen. Man kann darüber sprechen, dass aktuell 23.000 Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind. Oder darauf hinweisen, dass es wieder mehr Pandabären gibt.

Oder ist es nicht schön, dass es Menschen gibt, die eine ganze Nacht in der Kälte ausharren? Obwohl sie ein Zuhause haben. Und man annehmen darf, dass sie einfach einmal wissen wollten, wie es jetzt wohl Migranten ergeht, auf dem Weg ins gelobte Land. Dass sie nur darauf gewartet hätten aufgerufen zu werden, damit sie in einem Geschäft ein Paar Turnschuhe für 200 Euro kaufen dürfen, die ein Rapper designt haben soll, das ist nur wieder so eine Meldung der Lügenpresse.