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Echo aus Halle

Es ist schrecklich, was da hätte geschehen können. Offenbar so schrecklich, dass in der Berichterstattung und in den Statements der Politiker und Funktionäre die wahren Opfer vergessen werden. Nämlich die zwei Passanten, die tot sind. Sie waren weder in der Synagoge, noch hatten sie nach bisherigen Erkenntnissen irgendeinen  Bezug zum jüdischen Glauben. Trotzdem ist nur die Rede davon, wie jetzt Jüdische Einrichtungen und Juden geschützt werden können. Muss man sich nicht wundern, wenn die Abgehängten und Pegidaisten und AfDisten sich bestätigt fühlen. Es wäre angebracht, wenn man anfangen würde, der beiden Toten zu gedenken.

Alterserscheinung

Vielleicht ist es ja eine Alterserscheinung. Oder sollte ich inzwischen einfach nur abgestumpft sein? Jedenfalls schaffe ich es momentan kaum, mich über irgendwelche Ereignisse zu wundern, mich darüber zu ärgern, wütend zu werden, niedergeschlagen. Es erscheint mir wie eine Art Völlegefühl. Ausschreitungen in Hamburg? Alter Hut. Hatten wir schon. Zum Beispiel in früheren Jahren und auch in anderen Städten.

Oder ein Terroranschlag in Kabul? Wäre man zynisch, könnte man sagen: Alltag. Und selbst wenn man es eine Nummer kleiner macht. Wer, um alles in der Welt, hat denn noch geglaubt, dass die global Player unserer Tage wie die deutschen Autokonzerne nach dem Prinzip von vorgestern: „Üb immer Treu und Redlichkeit“ verfahren. Warum jetzt also Entrüstung heucheln. Ist doch inzwischen eher der Tenor, dass man das Schlimmste annehmen muss, um von der Wirklichkeit vielleicht noch überrascht zu werden.

Auf jeden Fall werde ich das jetzt einmal im Auge behalten. Ob das nur ein vorübergehender Zustand ist, oder bleibt bis an das Ende meiner Tage. Zumindest, und das hat mich dann doch etwas tröstlich gestimmt, konnte ich mich vor einer Viertelstunde ein ganz klein wenig über das Wetter aufregen. Aber das so richtig zu genießen, war mir dann auch nicht vergönnt. Schon nach kurzer Zeit war der Regenschauer schon vorüber. Vielleicht sollte ich nach Berlin fahren. Denen hat man 70 Liter Niederschlag pro Quadratmeter versprochen. Das klingt doch vielversprechend.

Demo in Köln

Je nach Nachrichtensender variieren die Zahlen. Wohlwollend wurde auch schon mal von 2000 Teilnehmern gesprochen. An anderer Stelle war von 500 die Rede. Da waren wahrscheinlich schon die Journalisten raus gerechnet, die sogar aus dem Ausland gekommen waren, um über die Demonstration in Köln von Muslimen gegen Gewalt und Terror zu berichten. Vielleicht hat man auch die Sonntagsspaziergänger nicht berücksichtigt.

Mit verantwortlich für das zaghafte Engagement von Muslimen kann sein, dass sich maßgebliche Dachverbände gegen eine Teilnahme ausgesprochen hatten. Weil nämlich dadurch ein Generalverdacht manifestiert, dass Terror und Gewalt gleichgesetzt würden mit dem Islam. Muslimische Anti-Terror-Demonstrationen würden Muslime „stigmatisieren“, hieß es von „DITIB“, einer Organisation, die der türkischen Religionsbehörde in Ankara untersteht.

Dieser Einwand hat auf jeden Fall seine Berechtigung. Denn schließlich wurde ja auch im Falle von Demonstrationen von Christen gegen den Terror, wie beispielsweise nach den Anschlägen in Paris im November 2015, sofort das Christentum mit dem Terror gleichgesetzt. Und von dieser Stigmatisierung hat sich das Christentum bis heute nicht erholt. Es wäre zu untersuchen, wie es sich mit anderen Glaubensrichtungen verhält. Ob diese auch klüger sind als die Christen.

Bürgerkrieg in Köln

Und jetzt das Wort zum Sonntag, heute aus der Schublade eines abgehängten deutschen Wutbürgers und nicht redigiert: „Doofland steht kurz vor einem Bürgerkrieg. Linke gegen Rechte, Türken gegen Deutsche, Ossis gegen Wessis ,jeder gegen jeden ,Es wird Zeit dass dieser Staat endlich von der Bildfläche verschwindet .Ich schäme mich deutscher zu sein…“

Der Mann, der so einen Beitrag im Internet über den AfD-Parteitag in Köln kommentierte, hatte wohl eine stark alkoholgetränkte Nacht hinter sich, als er das geschrieben hat. Zumindest wäre es ihm zu wünschen. Denn wenn dies seinem naturgegebenen Geisteszustand entsprechen würde, müsste man ernsthaft über therapeutische Maßnahmen nachdenken. Zu seiner Entlastung sei außerdem gesagt, dass er diese Zeilen schrieb, bevor die große Party der AfD-Gegner zu Ende war.

Die Zahlen schwanken. 50.000 sollen es gewesen sein, die in Köln protestierten. Gesichert ist eine Zahl: In diesem Bürgerkrieg gab es zwei leicht verletzte Polizisten. Ansonsten viele Reden und, wie bereits angedeutet, Party-Feeling. Und bei Anhängern der AfD viel Enttäuschung. Man vermisste es, dass der Mob nicht die Gewalt gelieferte, die die korrekt gekleideten AfD-Delegierten zu Märtyrern und Opfer gemacht hätte.

Und das, obwohl die AfD-Württemberg einen Aufruf gestartet hatte: „Linke Gewalt – Parteitag Köln
Wir veröffentlichen Eure Aufnahmen. Ob Videos oder Bilder : Wir geben dem Terror ein Gesicht!
Kontaktiert uns über den Nachrichtbutton. Wir veröffentlichen die Aufnahmen das ganze Wochenende.“ Akribische Recherche zeigte allerdings, dass offensichtlich kein Beitrag über den Terror aufzutreiben war.

So blieb nur die Erkenntnis, dass der Protest gegen die Völkischen von der AfD in Köln mehr Volk auf die Straßen brachte als jemals die AfD-Newcomerin Alice Weidel bei ihren Auftritten Zuhörer hatte. Und dass, obwohl sie in Diktion und Gestik und mit ihrem BDM-Flair das Zeug hätte, nach dem fortwährenden Verblassen der Noch-Vorsitzenden Frauke Petry die deutsche Marine Le Pen werden. Doch zumindest hat die AfD von Donald Trump gelernt. Nach ihrer Zählung waren gerade mal 6.500 Demonstranten in Köln.

Mit der Kerze im Dixi Klo

Wir haben in Deutschland eine Kraftwerksreserve. Will heißen, dass alte Kohlekraftwerke, die eigentlich verschrottet werden sollten, nur still gelegt wurden. Damit man etwas in der Hinterhand hat, falls es jemals zu Stromengpässen kommt. Also zum Beispiel durch eine Sonnenfinsternis, die mehrere Wochen oder Monate andauert. Die Betreiber bekommen dafür vom Staat 1,6 Milliarden Euro Prämie gezahlt. Für den Grenzzaun, errichtet, um die illegale Einwanderung von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten zu verhindern, hatte die ungarische Regierung ursprünglich 94 Millionen Euro bereitgestellt. Die tatsächlichen Kosten dürften aber um einiges höher sein. Frankreich hat hingegen für den Kampf gegen den Terror zusätzliche 425 Millionen Euro für Ausrüstung und Waffen der Polizei und Nachrichtendienste bereit gestellt. Und um die Flüchtlingsströme einzudämmen, soll die Türkei in den kommenden Jahren mit etwa 6 Milliarden Euro unterstützt werden. Zumindest ist das der letzte Stand.

Da erscheint es mehr als verständlich, dass die EU-Staaten nun wirklich nicht auch noch das Geld haben, um ein paar Lastwagen mit wasserdichten Zelten, ein paar Nahrungsmitteln und vielleicht einem oder zwei Dixi-Klos in das Camp von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze zu schicken. Weshalb mein Vorschlag wäre, dass man im oberbayerischen Zorneding auf die geplante Lichterkette verzichtet und wenigstens das Geld für die Kerzen den Flüchtlingen im Camp von Idomeni spendet. Ein paar Teller warme Suppe sind besser als nichts. Schließlich würde auch Kerzenlicht nichts an der Hautfarbe ihres Pfarrers ändern, der sich jetzt wegen der Morddrohungen versetzen ließ. Er kann deshalb auch in Zukunft immer wieder rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sein.

 

Schöne neue Welt

Als wir zum Beispiel alle Charlie waren, und unbeschadet der Tatsache, dass es einige immer noch sind, weil das Abonnement noch läuft, waren wir da nicht sicher, dass nichts mehr sein würde wie zuvor? Und wer noch nicht davon überzeugt war, hat er diese Einschätzung nicht spätestens übernommen und bei Facebook mit der französischen Flagge ein Zeichen gesetzt, als mehr als hundert Passanten und Konzertbesucher in der Hauptstadt Frankreichs ermordet und sogar ein Länderspiel auf deutschem Boden abgesagt wurde?

Wurden dann nicht sogar die ganz Hartgesottenen durch die Flüchtlingsströme (O-Ton Schäuble) endgültig mitgerissen und eingereiht in die Phalanx derer, die gar nicht mehr darüber diskutierten, sondern jedem, der es hören wollte oder auch nicht,  sagten, dass jetzt alles anders wäre, gedanklich quasi kein Stein mehr auf dem anderen sei, das Abendland neu gedacht werden müsse?

Sie haben sich alle geirrt. Das Korsett unseres Zusammenlebens, die Rückenstützen unserer Gesellschaft, sie sind die gleichen wie zuvor. Sie haben in keiner Weise an Stabilität geschweige denn etwas von ihrer Wirkung und heilenden Kraft eingebüßt. Denn die Probe aufs Exempel hat ergeben, dass der von mir bevorzugte linksdrehende Joghurt bei dem von mir bevorzugten Discounter immer noch am gleichen Platz im Regal steht. Die Bundesliga-freie Zeit von den meisten Frauen und wie zuvor als Belastung empfunden wird. Und noch nicht einmal das Interesse an einer Sendung wie „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus“ in irgendeiner Weise nachgelassen hat.

Oder um es etwas anders auszudrücken, ganz offensichtlich waren die Ereignisse noch nicht nachhaltig beeindruckend genug, um Bewegung in die Köpfe zu bringen, alte Krusten aufzubrechen, Verhaltensweisen zu ändern. Wir sitzen – im übertragenen Sinne natürlich nur – weiterhin mit unseren gut gepolsterten Ärschen auf den Sofas und schauen uns die Welt und sogar die eigene von außen an. Vergessen dabei immer noch völlig, dass wir mittendrin sind und eines Tages vor dem LED-TV aufwachen werden mit dem Gefühl, dass wir etwas ganz Wichtiges versäumt haben.

Weshalb es auch keine neue Aufrichtigkeit in der Literatur geben kann. Das ist, um auch der Herkunft dieses neuen Trends Rechnung zu tragen, einfach nur Bullshit. Denn zum einen ist sowieso schon alles einmal gesagt worden. Und außerdem würde Aufrichtigkeit bedeuten, dass die Ratlosigkeit thematisiert, zugegeben wird, die uns alle insgeheim schon längst überfallen hat. Vielleicht ist es ein erster kleiner Beginn, wenn ich sage, dass ich heute nicht in einer Jogginghose schreibe. Ich bin nackt. So fühle ich mich jedenfalls. Und sehr ratlos. Auch ausgelöst von einem neuen High-Light aus dem Repertoire des möglichen US-Präsidentschafts-Kandidaten Donald Trump. Der bei einer seiner Wahlveranstaltungen in Iowa laut The Guardian gesagt hat: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemand erschießen, und ich würde keine einzige Wählerstimme verlieren.“ Schöne neue Welt, du bist ganz die alte geblieben.

Ein Lied auf den Lippen

Habe ich es doch gewusst. Natürlich war es nicht auf meinem Mist gewachsen, was ich da neulich über die Furcht gesagt habe. Es war nur ein Plagiat. Und auch noch ein nicht besonders gutes. Doch jetzt habe ich das Original wiedergefunden. Was gleichzeitig auch eine gewisse Erleichterung war, denn der Urheber dieses Satzes ist natürlich ein ganz anderes Kaliber, und nicht zuletzt Kraft seines Amtes hat diese Lebensweisheit so noch eine ganz andere Glaubwürdigkeit.

Es war anlässlich seiner Amtseinführung am 4. März 1933, dass der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt seinen Landsleuten sagte: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“ Was durchaus seine Wirkung zeigte. Und wann, wenn nicht in diesen Zeiten, ist dieser Satz aktueller denn je. Man kann gerne darauf verzichten, jetzt alles aufzuzählen, was einem derzeit Angst respektive Furcht einflößen kann. Daran besteht kein Mangel.

Der einzige, marginale Einwand, den man nach meiner Ansicht dagegen vorbringen könnte, resultiert aus der Tatsache, dass damals die Medien noch etwas anders agierten. Und auch Politiker weniger dazu tendierten, ihre Landsleute zu verunsichern. Anstatt ihnen Mut zu machen. Das aber ist genau das Gefühl, dass momentan eigentlich fast noch mehr Furcht einflößen kann. Wie die Furcht geschürt wird. Nämlich oft auf sehr perfide Weise. Indem nämlich behauptet wird, dass kein Grund zur Furcht besteht. Im selben Atemzug aber ein Szenario zum Fürchten geschildert wird.

Weshalb, da man offensichtlich der Angst nicht entkommt und ich auch kein Roosevelt bin, jetzt mein Vorschlag wäre, es vielleicht doch einfach so zu machen wie in Kindertagen. Wenn man in den Keller musste. Nur dass wir jetzt alle ein Liedchen pfeifen oder singen, wenn wir auf die Straße gehen. Vielleicht kann man sich ja städteweise auf eine bestimmte Melodie einigen. Das würde dann die ganze Sache harmonischer machen. Man hätte dann zwar wahrscheinlich immer noch Furcht. Aber wenigstens würde man sich mit ihr nicht mehr so alleine fühlen.