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Notstand

Die Situation ist wirklich mehr als prekär. Nicht nur, dass die Nachbarn auf der linken Seiten vor sechs Monaten Zwillinge bekommen haben. Rechts von uns hat sich die Familie, zwei Kinder, Mutter, Vater, drei Meerschweinchen, jetzt auch noch einen Hund angeschafft. Jetzt muss gehandelt werden. Ich habe den Notstand ausgerufen. Jetzt kann nur noch eine Mauer helfen. Auf beiden Seiten. Also jeweils zehn Meter lang. Und natürlich kommen nur Gabionen in Frage. Also diese Drahtkäfige, in die Steine gefüllt werden.

Sind nicht billig, aber sehr massiv. Also schon ein bisschen teuer. Zum Glück bin ich Pendler, ich brauche also einen SUV. Daran kann nicht gerüttelt werden. Das Geld für den Urlaub können wir auch nicht dafür hernehmen. Der ist schon bezahlt. 14 Tage Dubai. Und weil es ein Schnäppchen war, gibt es keine Rücktrittsmöglichkeit. Aber nachdem wir ja einen Notstand haben, habe ich kurzerhand beschlossen, dass die Gabionen mit dem Geld bezahlt werden, dass für die Frühjahrsgarderobe von Frau und Kindern vorgesehen war. In Notzeiten müssen halt alle Verzicht üben.

Endzeitstimmung

Was macht man, wenn man gerade nicht das Geld hat für eine kleine Yacht? Oder wenigstens ein Segelboot. Noch nicht einmal für ein E-Bike in Leichtbauweise. Es wird immer schwieriger, für einen geliebten Menschen ein Geschenk zu finden. Wenn man nicht das nötige Kleingeld hat. Denn sie haben einfach schon alles: Smartphone, Alexa, LCD-Großbildschirm, Thermomix, und, und, und. Und sogar die Liebe bekommen sie schon seitenweise über Tinder geliefert.

Könnte man vielleicht wenigstens mit einem Einzelstück punkten, darf es natürlich nicht etwas selbst gebasteltes sein. Dann muss es unbedingt aus einer Manufaktur kommen. Was dann auch schnell unerschwinglich ist. Deshalb bin ich für Gift-Sharing. Klingt gut, und würde bedeuten, dass man sich die Geschenke mit jemandem teilt. Wäre nur noch zu regeln, wer wann was bekommt. Ist aber auch kein allzu großes Problem. Nachdem immer mehr Menschen an Weihnachten Urlaub in Dubai oder sonst wo machen.

Freier Fall

Zuerst dachte ich ja, dass Italien den Euro abgeschafft hat, wieder zur alten Währung zurückgekehrt ist. Doch dann habe ich gesehen, dass der letzte Buchstabe ein „a“ war und kein „e“. Weshalb es natürlich die Türkei ist, deren Währung jetzt respektabel an Wert verloren hat. Im Verlauf eines einzigen Tages waren es bis zu 18 Prozent. Was insofern bedenklich ist, als deutsche Banken in der Türkei Außenstände von ca. 21 Milliarden Euro haben. Ob diese Kredite in der Zukunft noch bedient werden, ist also unsicher. Weshalb es sein könnte, dass wir hierzulande mal wieder Banken retten dürfen.

Der Auslöser für diesen Verfall der Lira sind ja die vom US-Präsidenten jüngst noch einmal verschärften Wirtschaftssanktionen. Die als Druckmittel dienen, um einen US-amerikanischen Pfarrer frei zu bekommen, der wegen Terrorverdacht in der Türkei festgehalten wird. Und dem türkischen Präsidenten als Druckmittel dient, um die Auslieferung des einstigen Kumpels und inzwischen des Staatsstreiches angeklagten Predigers Gülen zu erreichen. Der in den USA lebt.  

Also ist es eher eine Art Privatfehde, die den Steuerzahler hierzulande viel Geld kosten kann. Was mich aber erst so richtig wütend macht, das ist die mehr als unschöne Begleiterscheinung, dass durch den Verfall der türkischen Währung der Urlaub in der Türkei jetzt so richtig billig geworden ist. Wir aber schon Ferien auf dem Bauernhof in Niederbayern gebucht haben. Stornieren geht nicht mehr.

Zollschranken

Erinnern können sich nur die älteren Semester. Alle anderen kennen nur einen müden Abklatsch von den Flughäfen in Thailand oder auf Mallorca. Und selbst der martialische Empfang in den USA kann nicht mithalten mit jenem Gefühl, das man dereinst hatte, wenn man in der langen Auto-Schlange stand und sich langsam aber sicher der Grenze zu Österreich oder der Niederlande näherte, oder aus diesen Ländern zurück kam und wieder in die Heimat wollte.

Mit jedem Moment etwas nervöser wurde, ausgelöst von der bangen Frage, ob es einen wohl dieses Mal treffen würde. Ob der Zöllner nach einem strengen Blick auf die weit aus dem Fenster gehaltenen Pässe noch einmal das Innere des Autos mustern würde. Um dann nach dem energischen Kopfschütteln auf die Frage, „haben Sie etwas zu verzollen?“, mit einer einladenden Bewegung Order gab, rechts oder links ranzufahren.

Wo dann Kofferraum und Innenraum akribisch untersucht wurden. Im schlimmsten aller Fälle sogar mit der Unterstützung eines schnüffelnden Hundes.  Während die Insassen des Auto mit gesträubten Nackenhaaren und Schweißperlen auf der Stirn im Geiste noch einmal durchgingen, was alles in den Tiefen des Kofferraums oder unter den Sitzen liegen könnte.

Dieses prickelnd aufregende Gefühl können wir zumindest jetzt an der Grenze zu Österreich hoffentlich bald wieder in vollen Zügen genießen. Mit langen Staus als Gratis-Zugabe. Und wir sollten uns dafür bedanken bei denen, die alles dafür getan haben, obwohl es ihren Job hätte kosten können. Im Herbst mit einem Kreuz an der richtigen Stelle. Und die ist nicht eine Wand.

Frisch gepresst

Jetzt haben wir es endlich schwarz auf weiß. In der Hauspostille der CSU, der Passauer Neuen Presse, steht, dass es Schluss mit lustig wäre, wenn die Bundeskanzlerin von ihrer Richtlinienkompetenz Gebrauch machen würde. Bloß weil er, Seehofer und die ganze CSU fänden, dass es wichtiger wäre, für die Überzeugung zu kämpfen als nur an die Posten zu denken. Und außerdem sagte der CSU-Vorsitzende mit Blick auf einen möglichen Alleingang als Bundesinnenminister in Sachen Asylstreit: „Wenn man mit dieser Begründung einen Minister entließe, der sich um die Sicherheit und Ordnung seines Landes sorgt und kümmert, wäre das eine weltweite Uraufführung. Wo sind wir denn?“

Die Frage kann relativ leicht beantwortet werden. Nachdem, was sich nun schon seit Wochen in dieser, unserer Republik abspielt, scheinen wir uns momentan in einer Art Bananenrepublik zu befinden. Womit natürlich nichts gegen Bananen gesagt werden soll. Und außerdem muss man auch anerkennend feststellen, dass die CSU schon voll und ganz und gekonnt die ja noch relativ neue Diplomatie des derzeitigen US-amerikanischen Präsidenten übernommen hat. Die auf zwei Pfeilern steht. Da ist zum einen das Schaffen von Fakten, von denen man davor gar nicht wusste, dass es sie gibt. Und zum anderen das permanente Schwingen der Keule, von Menschen ohne Humor gerne auch mal Erpressung genannt.

Jedenfalls wissen wir also seit heute schwarz auf weiß, dass Seehofer und die CSU für ihre Überzeugung auch ein Ende der Koalition mit der einstigen Schwesterpartei CDU in Kauf nehmen würden. Weshalb es nahe liegt, davon auszugehen, dass der dann folgende Schritt wohl die Unabhängigkeit Bayerns von Deutschland sein müsste. Ganz nach dem Vorbild von Katalonien und Herrn Puigdemont. Ich überlege mir jedenfalls momentan ernsthaft, ob das wirklich noch Sinn macht, mir den Pass für den diesjährigen Urlaub noch einmal verlängern zu lassen. Ist vielleicht rausgeschmissenes Geld.

Forza Italia

Es könnte spannend werden. Während auf Hawaii der Vulkan schon glutrote Lava spuckt, ist in Italien noch Ruhe vor dem Sturm. Auch wenn bereits die ersten Analysten von einer weiteren Euro-Krise träumen, Banker sich schon mal zumindest symbolisch die Ärmel hochkrempeln, damit sie beim Hände reiben nicht stören, es ist noch nicht Realität, dass diese Allianz aus Pest und Cholera, die sich Italien erwählt hat, wirklich für den finalen Rettungsschuss für dieses wunderschöne Land mit seiner prachtvollen Küche, den sonnigen Stränden und eleganten Frauen Gelegenheit haben wird. Sollte es dazu kommen, dann werden wir eventuell nicht nur ein beliebtes Urlaubsziel verlieren, sondern vielleicht auch wieder eine Menge Geld an unsere Geldinstitute.

Wenn es aber den funkelnden fünf Sternen und den Fremdenfeinden der Nordliga – nicht zu verwechseln mit der Seria A – wider Erwarten doch gelingt, ein Füllhorn über das Land auszuschütten und jeder Italienerin und jedem Italiener ein Grundeinkommen, täglich eine Pizza und zwei Aperol Sprizz oder wahlweise eine Flasche Lambrusco zukommen zu lassen, ohne aus der Eurozone auszutreten, bin ich der Erste, der sich Richtung Brenner auf den Weg macht. So ein Wunder des Malachias möchte man sich doch aus der Nähe anschauen. So viele Menschen, die selbst im wahlfähigen Alter noch an den Weihnachtsmann glauben, die möchte man doch mal persönlich kennenlernen.

Urlaubsziele

Was haben wir uns früher den Kopf zerbrochen. Ans Meer, in die Berge – oder doch lieber in eine der hippen Metropolen? Vielleicht ein Urlaubsort mit guten Sportmöglichkeiten? Oder doch lieber nur in der Sonne am Strand faulenzen? Naturwunder bestaunen? Kunstdenkmäler begutachten? Man weiß ja nicht, wie lange die noch stehen. Nächte haben wir damit verbracht, Kataloge zu wälzen. Gab ja noch kein Internet.

Damit ist jetzt aber endgültig Schluss. Denn man braucht noch nicht einmal das ganze World Wide Web. Es genügt Instagram. Und der Rest ergibt sich von alleine. Also nicht, dass man dort Zustandsberichte über die Wasserqualität an einem bestimmten Badestrand bekommt. Es gibt noch nicht einmal Bewertungen von Hotels.

Aber dafür kann man zielgenau erfahren, wo man die besten Fotos machen kann, die Fotos, die dann auf Instagram – höchstwahrscheinlich – die meisten Klicks und Likes bekommen. Weshalb sich schon viele Urlaubsorte gezielt so in Szene setzen, dass sie interessant sind als Kulisse für vielversprechende Instagram-Fotos. Der richtige Urlaubsort ist nämlich der, der einzigartige Fotos verspricht. Man darf sich nur nicht davon irritieren lassen, dass zehntausende Menschen das gleiche Foto schießen wollen.