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Freitagabend

Traute Runde. Ein Freitagabend. Man kann der Woche Last hinter sich lassen. Auch wenn niemand mehr von ihnen einer Arbeit nachgeht. Aber alt sein ist auch nicht gerade einfach. Sie haben viele Reisen unternommen. Wenn es die Arthrose zulässt, reisen sie noch immer. Weil doch das Fliegen auch für Rentner erschwinglich ist. Und sie finden es toll, dass Schüler auf die Straße gehen. Den Klimawandel muss man schließlich ernst nehmen. Auch wenn die Biotonne eklig stinkt. Es muss etwas getan werden.


Kurzfristig einigt man sich darauf, noch eine Flasche Wein aufzumachen. Und dann erzählt jemand von Irland, und dass das Frühjahr die beste Zeit für einen Besuch ist, weil alles in Blüte steht. Flüge gibt es ja schon unter 100 € bei Billig-Anbietern. Also da muss man unbedingt noch mal hin. Oder doch lieber nach Venedig fliegen, um den runden Geburtstag zu feiern? Vielleicht ja nicht gerade an einem Freitag, wenn die Schüler auf der Straße sind. Nicht, dass man noch den Flug verpasst.

Frage des Geldes

Das Wandern ist des Müllers Lust? War mal, heute fliegen Müllers lieber irgendwohin. Am liebsten dahin, wo auch viele andere hinfliegen. Oder fahren. Mit dem Schiff zum Beispiel. Nach Venedig. In die Lagunenstadt, die inzwischen gerade noch 54.000 Einwohner hat. Früher waren es 100.000. Aber sie müssen trotzdem keine Angst haben zu vereinsamen. Denn sie bekommen Besuch. Zur Hauptreisezeit mehr als 70.000 Touristen. Pro Tag.

Und weil viele von ihnen auch mal für einen Tag oder mehrere leben wollen, wie richtige Venezianer, übernachten sie auch in Venedig. Weshalb viele Venezianer inzwischen woanders wohnen, weil es nicht mehr genug Wohnungen für sie gibt, obwohl sich die Zahl der Einwohner fast halbiert hat. Manchmal liegt es auch nur daran, dass manche Venezianer einfach nicht für eine Wohnung so viel bezahlen können, wie Touristen bei Airbnb auf den Tisch legen.

Und da könnten sich doch nicht wenige Leute hierzulande wirklich mal ein Beispiel nehmen. Stellen wir uns doch einmal vor, dass zum Beispiel nach München, was ja auch eine schöne Stadt ist, täglich bedeutend mehr als doppelt so viele Menschen kämen, wie dort wohnen. Also schlappe 3.500.000 Besucher. Und trotzdem würde niemand von den Besuchern angepöbelt, geschlagen oder etwa sogar lebensbedrohlich verletzt werden.

Im Gegenteil. Sie würden in den Restaurants bedient und durch die überfüllten Straßen gelotst werden. Man wäre um ihr Wohl besorgt. Und das über Jahre. Aber vielleicht ist das der kleine Unterschied. Wenn die Menschen, die über das Mittelmeer zu uns kommen, anstatt in Afrika zu bleiben, anständig bezahlen würden für Essen und Unterkunft und hässliche Souvenirs, für Ferienwohnungen auf jeden Fall mehr als Einheimische, dann würde man sie hier sicher auch anständig behandeln.

Städtereisen

Zeit, sich endlich mal wieder ein paar Feinde zu machen. Übrigens aus aktuellem Anlass. Der Versuch, für einen kleinen Oster-Brunch ein paar Leute einzuladen, ist nämlich kläglich gescheitert. Zugegeben, schon ein bisschen was einzukaufen, bevor alle Absagen eingegangen waren, das war natürlich ein Fehler. Falls also noch jemand Osterschinken und kunstvoll gefärbte Eier braucht, bitte melden. Jedenfalls war so zu erfahren, dass sich die Aufenthaltsorte unserer Freunde und Bekannten folgernder maßen aufteilten: Zwei Mal war Barcelona das Reiseziel, Florenz bekam eine Nennung; ebenso Dubrovnik und Venedig; außerdem waren Rom, Lissabon und London vertreten.

Nur zwei der Eingeladenen hatten es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Einer allerdings nur wegen eines Magen-Darm-Virus. Alle anderen waren im wahrsten Sinne des Wortes ausgeflogen. Aber mal ausnahmsweise kein Wort über den CO²-Ausstoß von Flugzeugen. Doch ebenso furchterregend ist, dass Millionen andere ebenfalls ausgeflogen waren. Um sich an Orten zu treffen, die eigentlich eine Reise wert wären. Wenn man dort nicht durch die Straßen geschoben würde wie beim Karneval in Köln. Durch Städte, die letztendlich nicht nur vom Tourismus leben. Sondern zum großen Teil auch durch ihn zu sterben drohen.

Weil sie an den Menschenmassen ersticken. Eine Einschätzung übrigens, die nicht nur auf einer gerade gesehenen, diesbezüglichen TV-Dokumentation beruht. Der letzte Selbstversuch, dem Nachwuchs etwas Welt-Kulturerbe nahe zu bringen, liegt zwar schon ein paar Jahre zurück. War aber aussagekräftig genug. Und um es gleich zu sagen, der Versuch ist gescheitert. Weil wir es nicht einmal bis zum einzigen, wenn auch riesigen Parkplatz schafften. Wegen Überfüllung. Kurz vorm Dehydrieren haben wir aufgegeben.

Andere Menschen scheinen die Massen zu lieben. Schieben respektive lassen sich über die Rialto-Brücke oder durch Les Rambles schieben, stehen stundenlang vor den Uffizien an. Und man könnte lapidar sagen, dass die Geschmäcker halt verschieden wären. Wenn die Orte der Reisebegierde nicht zu riesigen Tourismus-Parks verkommen würden. Die Gewinne daraus nicht nur bei den Dienstleistenden und Städten sondern mehr und mehr bei Konzernen landen würden. Die für die Rendite ohne Wimpernzucken in Kauf nehmen, dass inzwischen nicht nur Regenwälder sondern auch Städte zerstört werden.