Schlagwort-Archive: Vergnügen

Cum with me

Bei den sogenannten Cum-Ex- oder Cum-Cum-Geschäften, bei denen Finanzämter so schwindlig gespielt wurden, dass außer den Banken und Finanzjongleuren niemand mehr wusste, was da eigentlich passiert war, soll europaweit für den Fiskus und damit für SteuerzahlerInnen ein Schaden von 55 Milliarden Euro entstanden sein. Der einzige Nutzen für die Allgemeinheit könnte höchstens darin gelegen haben, dass Männer, die eigentlich zu ihrem Vergnügen Suchbegriffe bei Google eingegeben hatten, etwas über lukrative Finanzgeschäfte erfahren haben.

55 Milliarden sind eine erkleckliche Summe. Damit werden sich 275.000 Menschen eine Yacht mit einer Länge von 10 bis 14 Metern kaufen können. Vorausgesetzt sie waren an den Cum-Ex-Geschäften beteiligt. Es könnten mit dem Geld allerdings auch 190.972 Pflegekräfte eingestellt und 10 Jahre lang beschäftigt werden. Jens Spahn würde jubeln. Mit dem Coup könnte er Kanzler werden. Aber die Erfahrungen haben gezeigt, dass es höchst unwahrscheinlich ist, dass man jetzt gegen Banken und Finanzjongleure vorgehen und sich das Geld zurückholen wird. Dazu ist die Angst vor den Finanzmärkten zu groß. Vielleicht ist jetzt einfach ein guter Zeitpunkt, um Aktien von Unternehmen zu kaufen, die Yachten herstellen.

Sonntagsruhe

Es gibt Momente und Gelegenheiten, da ist es überhaupt kein Vergnügen, wenn sich Erwartungen erfüllt haben. Also ganz im Gegensatz zu jenem Weihnachten, als man sich etwas ganz bestimmtes gewünscht hatte, und es dann auch wirklich auf dem Gabentisch lag. Aber soll man deswegen keine Erwartungen mehr haben? Auch wenn es mit fortschreitendem Alter immer häufiger Erwartungen sind, die sich an der Realität und an den Erfahrungen orientieren, also nicht mit Begriffen wie „froh“, „schön“ oder „freudig“ verknüpft sind?

Ich halte es für eine der Errungenschaften des Alters, dass man im günstigsten Falle oft näher an der Realität ist, sie leichter erträgt, sie nicht mehr übertünchen, einfärben muss. Was ja einer gewissen Logik nicht entbehrt. Man hat schließlich schon zu viel und zu oft gesehen, um es noch leugnen zu können. Man hat sich im günstigsten Fall an die Schizophrenie gewöhnt. Dass es die schrecklichste aller Welten ist. Und auf der anderen Seite die schönste. Und dass der gemeinsame Nenner der Mensch ist.

Was nicht bedeutet, dass man alles hinnehmen muss. Aber man kann Erwartungen eben entsprechend realistisch ausrichten. Auch wenn es dann nicht immer ein Vergnügen ist, wenn sie sich erfüllen. Aber immerhin gibt es ja auch noch Überraschungen. Selbst dann, wenn einem spontan aus der jüngeren Zeit keine einfällt. Warum also die Zeit vergeuden mit Dingen, die man nicht ändern kann. Lieber Zeit und Kraft auf das verwenden, was verändert werden kann. Ich zum Beispiel, ich trage jetzt den Müll runter. Obwohl ich das sonntags noch nie gemacht habe.

Stolz und Ehre

Ich muss zugeben, es sind Begriffe, bei denen ich einschlägige Literatur zu Rate ziehen muss. Besonders aufschlussreich finde ich den Hinweis, dass man „alles hinnehmen, mit sich machen lasse“, wenn man überhaupt keinen Stolz habe. Wohingegen Ehre „Ansehen auf Grund offenbaren oder vorausgesetzten (besonders sittlichen) Wertes“ sei, oder auch „Wertschätzung durch andere Menschen“.

Eigentlich habe ich nichts, worauf ich so besonders stolz wäre. Nicht auf das Vaterland. Noch weniger auf die Vergangenheit. Es gibt Dinge, Eigenschaften, die ich an diesem Land und an Menschen mag. Auf meine Familie stolz zu sein, fällt mir auch nicht ein. Ich liebe sie. Auch weil es Individuen sind, die gute und etwas weniger gute Seiten haben und nicht alles mit sich machen lassen. Und warum ich auf mich stolz sein sollte, wüsste ich am aller wenigsten. Trotzdem lasse ich auch nicht alles mit mir machen. Davon können einige Menschen ein Lied singen.

Wertschätzung durch andere Menschen schätze ich. Aber nicht weil ich glaube, dass sich bei mir besondere sittliche Werte finden lassen. Ich bin ein Mensch wie alle anderen. Manchmal durchaus sittlich. Und oft und mit Leidenschaft lieber etwas unsittlich. Ohne allerdings andere Menschen damit in Mitleidenschaft zu ziehen. Das würde die Freude daran schmälern. Und an der Ehre missfällt mir vor allem, dass hunderttausende ihr Leben dafür gelassen haben. Zumindest haben sie das geglaubt. Gestorben sind sie in Wahrheit nur, weil sie alles mit sich machen ließen. Obwohl sie so stolz waren.

Wenn mir also jemand von Stolz und Ehre erzählt, schaue ich ihn nur verständnislos an. Ich verstehe auch nicht, warum man deshalb auf die Straße geht. Für mehr Brot. Ja. Gegen das Leid. Ja. Warum nicht auch für Demokratie. Doch für wen auch immer Stolz und Ehre wichtig sind, wäre es nicht völlig ausreichend, wenn er sich damit in seinen eigenen vier Wänden vergnügen würde. Wenn es unbedingt sein muss, im Kreis der Familie. Die hoffentlich stolz genug ist, nicht alles mit sich machen zu lassen.

Die Medaille hat eine Kehrseite

Hin und wieder sollte man auch mal wieder der Wahrheit Genüge tun. Was hiermit für meinen Teil geschehen soll. Einer Wahrheit insofern, dass es nicht nur ein Bild gibt. Nicht nur eine Farbe. Nicht nur ein Gefühl. Dass in diesem Land zum Beispiel großartige Menschen leben, die nicht nur mitfühlen können sondern auch dieses Mitgefühl in Taten umsetzen. Dass das Manko oft nur ist, dass all die dumpfen Parolen-Schreier und Hass-Tiraden-Brüller viel lauter zu sein scheinen.

Und es gibt trotz allen Elends, trotz aller Grausamkeit und Menschenverachtung, dieses stille, leise Glück. Das das Leben lebenswert machen kann. Wenn es denn nicht übersehen wird, verschwindet unter dem Berg unerfüllter Wünsche. Die in unserer Hemisphäre zumeist am leichtesten von irgendwelchen Elektromärkten, Bekleidungshäusern, Autohändlern oder Touristik-Unternehmen befriedigt werden können.

Aber ich denke eher an jene Augenblicke, die, in einem schwachen Moment jemandem anvertraut, eventuell nur ein mitleidiges Lächeln entlocken. An die kleinen, aber nicht selbstverständlichen Dinge und Vorkommnisse. Und nein, ich habe keinen Esoterik-Ratgeber aus der Bibliothek ausgeliehen. Ich finde nur, dass die meisten Menschen unserer Hemisphäre viele gute Gründe hätten, hin und wieder glücklich zu sein. Weil sie ein Dach über dem Kopf haben. Essen auf dem Tisch steht. Es vielleicht sogar Menschen gibt, mit denen sie gerne zusammen sind, fröhlich sein können – oder auch ernst.

Und nein, es soll hier auch nicht die Dankbarkeits-Keule geschwungen werden. Ich fände es völlig ausreichend, wenn manche Menschen hin und wieder einmal daran denken würden, dass es ihnen vielleicht gar nicht so schlecht geht, wie sie oft glauben. Auch wenn das Auto größer, der Urlaub länger, das Restaurant teurer und der Lebenspartner vielleicht ein bisschen jünger sein könnte.

Ich kann aus dem Fenster sehen, erhasche mit dem Blick ein wenig Grün. Ich rieche das Essen, das auf dem Herd kocht. Ich bin nicht alleine. Ich habe ein Zuhause. Und ich muss nicht alles vergessen, was da draußen passiert, um es zu genießen. Und auch kein schlechtes Gefühl haben, wenn ich es genieße. Denn es ist etwas, das ich teilen kann.