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Happiness

Ich habe heute ein Magazin entdeckt. Das nicht nur verspricht, einen glücklicheren Menschen aus mir zu machen. Ich werde ganz bestimmt ein anderer Mensch sein, wenn ich jede Ausgabe dieses Magazins kaufe, das Happiness zwar nicht neu definiert, aber zumindest anders schreibt. Für nicht ganz sechs Euro kann ich jedenfalls meine Innerlichkeit entdecken.

Was für mich persönlich nicht so ganz einfach sein wird, denn ich weiß noch nicht einmal, wer meine Innerlichkeit ist. Aber ich bin trotzdem zuversichtlich. Denn was dieses Magazin verspricht, das war schon in tausenden Kalendersprüchen enthalten. Und die können ja nicht irren. Alleine schon, weil so ja alles, was man oft genug behauptet, irgendwann für viele Menschen zur Wahrheit wird.

Nach diesem Prinzip werden nicht nur „Mindstyle“-Magazine gekauft, sondern auch Präsidenten gewählt. Wie jetzt wieder in Brasilien. Was Umfragen berechenbarer machen kann. Vielleicht nicht nach der Partei fragen, die jemand zu wählen gedenkt. Sondern einfach fragen, welches Magazin jemand kauft.

Rückblick

Sie fielen mir zufällig in die Hände. Blogbeiträge aus dem Jahr 2014. Vielleicht einfach nur, weil ich gestern eine Diskussion hatte zur Frage, wie schlimm es denn inzwischen geworden sei. Ich glaube durchaus daran, dass das Gehirn bisweilen eigene Wege geht. Und dann eben beispielsweise alte Blogbeiträge findet. Wobei man allerdings zugeben muss, dass vier Jahre keine so lange Zeit sind.

Aber andererseits Zeit genug, um weite Teile des Erdballs zumindest gefühlt auf den Kopf zu stellen. Doch nun einmal davon abgesehen, dass man damals Trump nur von seinen TV-Auftritten kannte, Syrien noch keine Trümmerwüste und Israel noch kein Nationalstaat waren, vor allem habe ich das Gefühl, dass ich mich mehr verändert habe als die Welt um mich herum.

Und damit meine ich nicht, dass mein Haar schütterer geworden wäre, oder der gazellenartige Lauf zu einem Schlurfen mutierte. Mir ist nämlich ganz besonders aufgefallen, dass sich meine Schreibe verändert hat. Der leichte Ton ist einer gewissen Schwere gewichen. Um die Wahrheit zu sagen, im Vergleich zu dem, was und wie ich vor vier Jahren geschrieben habe, klinge ich jetzt eher müde. Und ich befürchte, es ist nicht einmal das Alter.

Es ist eher die Entwicklung der vergangenen vier Jahre, die mich müde gemacht hat. Aber vielleicht muss ich einfach nur mehr Kondition trainieren. Mich geistig mehr bewegen. Morgen werde ich mal versuchsweise damit anfangen. Heute habe ich wirklich noch nichts gefunden, was den Adrenalinspiegel etwas anheben könnte. Und die Chemie will ich noch nicht einsetzen. Vielleicht tut es ja ein kühles Pils auch.

Lichter Moment

Machen wir uns doch ausnahmsweise einmal nichts vor. Natürlich hat sich einiges verändert. Zumindest offiziell ist die Sklaverei weitgehend abgeschafft. Frauen sind nicht mehr in jedem Land der Erde das Eigentum von Männern. Und inzwischen werden sie sogar von nicht wenigen Männern noch nicht einmal so behandelt, als wären sie das Eigentum von Männern.
Ganz zu schweigen davon, dass immer mehr Menschen mehr zu essen haben, als andere Menschen bräuchten, um nicht zu verhungern. Und außerdem wurde die Gefahr, sich beim Öffnen von Flaschen zu verletzen, drastisch gesenkt, auch von das Konsumieren des Inhalts vieler Flaschen immer noch ausgesprochen gefährlich ist und mehr Menschenleben kostet als der Konsum von anderen Drogen.
Aber noch immer klafft ein tiefer Abgrund zwischen den Errungenschaften der Menschheit hin zu mehr Menschlichkeit, die nicht ohne Grund gerne und oft gefeiert werden, und dem, was sich in den Köpfen der Menschen abspielt. Weshalb es immer wieder zu überraschenden Auswüchsen kommt, begünstigt vielleicht von einem Erregungszustand oder zu viel Alkohol.
Was täglich millionenfach geschieht, aber dann meistens, wenn es sich nicht gerade um Staatsmänner mit einem Faible für rote Knöpfe handelt, doch nicht so hohe Wellen schlägt, wie gerade jetzt zum Beispiel die rassistischen Äußerungen eines Abgeordneten des Front National in unserem Nachbarland Frankreich. Dabei hat der Mann einfach nur einmal gesagt, was er wirklich denkt. Es sind also die lichten Momente, die die dunkle Seite eines Menschen zeigen.

Schönheitstipps

Die Lage ist ernst. Es gibt kaum noch Hinweise, dass das tägliche Gefasel eines alten und latent depressiven Mannes irgendjemand interessiert. Ein Blick auf erfolgreiche Blogger zeigt allerdings auch, dass mit lediglich mehr oder minder schwerem Gedankengut im Internet kein Blumentopf zu gewinnen ist – geschweige denn Klicks. Es sei denn, man hat schon anderweitig reüssiert. Es sieht also alles danach aus, dass in meiner Altersgruppe und mit meinem Background nur der Um- respektive Einstieg bei den LiebhaberInnen der Küche bleibt, vielleicht wären Reisen auch nicht schlecht. Die ich mir allerdings nicht leisten kann. Und wer interessiert sich schon für einen Ausflug zu den Supermärkten von Castrop-Rauxel.

Kurzzeitig habe ich auch schon daran gedacht, mir einfach ein neues Profil zu geben, inklusive der Fotos einer Tochter eines Bekannten. Und dann mit Schönheitstipps und must-haves mein Glück und die Klicks zu suchen. Gegen entsprechendes Entgelt wäre sie sogar dazu bereit. Aber würde das nicht alles konterkarieren, was bisher in diesem Blog zu lesen war?  War dieser Blog nicht auch das Versprechen, nach der Wahrheit zu suchen? Selbst dort, wo es weh tut? Nämlich bei mir selber. Gäbe es noch einige Menschen, die den Blog lesen, so würde ich am liebsten und ganz besonders in diesen Zeiten, da wir wieder einmal die Wahl haben, dazu aufrufen, mir klipp und klar zu sagen: Gib es auf! Oder vielleicht „mach‘ weiter so“?

Papst liebt Trump

Vielleicht erinnert sich ja noch jemand an die gute, alte Zeitungsente. Kaum hatte sie gequakt, schon machten es sich andere Zeitungen mit viel Inbrunst zur Aufgabe, sie zu zerlegen und auf kleinem Feuer zu kochen. Natürlich nicht nur um der Wahrheit willen, sondern gerne auch um zu zeigen, dass sie der Konkurrenz haushoch überlegen ist, was eine qualitativ hochwertige Recherche betrifft. Musste zwar nicht daran hindern, dann und wann nicht auch selber vor Euphorie über eine Entdeckung auch noch einem toten Hitler auf den Leim zu gehen. Aber es war eben eher die Ausnahme.

Inzwischen und dank schnellem Internet sind die Enten so zahlreich geworden, dass kein Mensch mehr den Überblick hat. Vor allem, weil Menschen gezielt daran arbeiten, Unwahrheiten in die Welt zu setzen. Und übrigens auch staatliche Institutionen. Und da ist jetzt ausnahmsweise einmal nicht unser aller Verkehrsminister gemeint. Es ist eher an jene Neuigkeiten gedacht, die in die Welt gesetzt werden, um Stimmungen und Meinungen zu beeinflussen. Oder bestimmte Menschen oder Einrichtungen zu diffamieren.

Eines der prägnanten Beispiele aus der jüngeren Zeit: Der Papst ist von Trump begeistert. Und unterstützt ihn. Glaubwürdig gemacht mit den zusammenmontierten Konterfeis der beiden und auf Facebook gepostet und millionenfach geklickt und geteilt. Und während dereinst eine solche Meldung im Sinne des Wortes bald im Papierkorb verschwunden wäre, wird diese Lüge zwar nicht gerade bis in alle Ewigkeit im Internet kursieren, aber wohl zumindest so lange, wie es ein Internet gibt.

Der kleine Unterschied: Dereinst brauchte ein Journalist noch eine Zeitung oder einen Rundfunk- oder Fernseh-Sender, um gezielt eine Lüge zu verbreiten. Und schlafende Redakteure und Kollegen. Jetzt genügt ein Smartphone und Internetzugang, um aber auch jede Lüge in die Welt zu setzen, die irgendjemandem irgendwo auf der Welt einfällt. Und das auch noch befördert von der weit verbreiteten menschlichen Eigenschaft, leichtgläubig zu sein. Bildern zum Beispiel mehr zu vertrauen als Texten. Weshalb dann auch ein Großteil der Internet-User redaktionelle Meldungen nicht von Werbung unterscheiden kann. Auch nicht, wenn diese sogar als solche mit „sponsored content“ gekennzeichnet sind.

Wir sollten uns also langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass die sogenannte „Lügenpresse“ immer noch das zuverlässigere Nachrichten-Portal ist. Wenn man einmal vom Staatsfernsehen eines Erdogan oder Putin absieht. Wohingegen man ja bei einem Trump vor allem dann vorsichtig sein sollte, wenn er selber Neuigkeiten verbreitet. Auf jeden Fall ist das Internet immer weniger geeignet, um sich mit Erkenntnissen zu versorgen. Zumindest wenn diese Erkenntnis einigermaßen realitätsnah sein soll. Allerdings kann man die Trefferquote mit einer alten Journalisten-Regel erhöhen: Für jede Meldung sollte man mindestens drei übereinstimmende Quellen haben. Und nicht nur Facebook.

Eingeholt

Ich habe mir das gut überlegt. Ich habe mir viele Fragen gestellt. Und immer lautete meine Antwort darauf: Ja, du musst. Und natürlich fühlt es sich schon sehr seltsam an, wenn nun an drei Tagen in Folge vordergründig das selbe Ereignis abgehandelt wird. Als wollte hier jemand die Schrecken und Gräuel, mit denen eine Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep endete, breit treten, auswalzen. Weil ihm nichts anderes mehr einfällt. Doch das ist nicht der Grund. Darum ging es zu keinem Zeitpunkt.

Der Auslöser war das Exemplarische. Nicht für die Türkei alleine. Sondern für viele Länder. Vielleicht die meisten. Alle? Das Selbstmordattentat auf eine Hochzeit brachte nicht nur Leid für die davon betroffenen Menschen. Es zeigte auch sehr deutlich, wie Nachrichten, Meldungen, Statements eingesetzt werden. Um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Um Menschen zu manipulieren. Es ist wirklich beeindruckend.

Jetzt weiß man jedenfalls, dass man nicht weiß, ob der Attentäter ein Kind war, das der IS geschickt hatte. Was abgerundet wird von der Meldung, dass der österreichische Botschafter in Ankara ins türkische Außenministerium einbestellt wurde. Weil in Wien Kurden ein Zelt errichtet haben und mit Plakaten des PKK-Anführers Öcalan und der Flagge der PKK schmückten. Um gegen die türkische Politik und das militärische Vorgehen gegen Kurden zu demonstrieren.

Weshalb dann eine türkische, regierungstreue Online-Zeitung, die auf Deutsch erscheint, berichtete, PKK-Anhänger hätten „in der österreichischen Hauptstadt Wien das Staatsfernsehen ORF besetzt“. Und weiter: „Sie besetzten die Sendezentrale und zwangen die Mitarbeiter dazu, eine Erklärung zu verlesen.“ Dass es am Ende des Absatzes heißt, „die Terroristen forderten, dass ein Text verlesen wird, wurden jedoch von den Polizisten des Platzes verwiesen“, ist dabei unwesentlich.

Von Bedeutung ist lediglich das Vorgehen. Wie und welche Meldungen lanciert werden. Wenn Wirkungen erzielt werden sollen. Die dann damit abgerundet werden, dass ein Präsident von Aufrichtigkeit spricht. Laut einer Zeitungsmeldung soll Erdogan gesagt haben: „Wie kann man über Aufrichtigkeit sprechen, wenn Terrororganisationen erlaubt wird, ihr Zelt in Brüssel vor dem Europäischen Ratsgebäude zu errichten.“ Und ich muss zugeben, dass ich etwas verwirrt bin momentan.

Große Vorbilder

Mindestens zwei besonders herausragende Beispiele gibt es aktuell. Sie besagen, dass man nur den Mut haben muss so richtig anzuecken, wenn man etwas erreichen möchte. Wenn man Erfolg haben will. Man muss Menschen vor den Kopf stoßen. Andere beleidigen. Lügen. Ob man nur Mut dazu braucht oder auch noch andere Eigenschaften, weiß ich nicht. Vielleicht sind auch noch komplette Verblödung oder eine psychische Störung notwendig. Eventuell eine total verkorkste Jugend. Jedenfalls scheint das Prinzip bei zwei Männern zu funktionieren. Der eine ist gerade dabei, sich sein persönliches osmanisches Reich zu kreieren. Mit Todesstrafe und allem drum und dran. Der andere ist auf dem besten Weg, ein Gefängnis ganz nach seinen Wünschen bauen zu können, das 9 Millionen Quadratkilometer groß ist.

Das weckt Begehrlichkeiten. Das will man auch haben. Weshalb ich ja neulich schon ein bisschen angefangen hatte. Erst nur mal ganz vorsichtig. Man muss ja nicht gleich übertreiben. Habe mich nur etwas über Menschen mokiert, die einem Trend hinterher laufen. Allerdings war der Erfolg mehr als mäßig. Offensichtlich war ich zu vorsichtig. Oder ich habe einfach die falsche Frisur. Jedenfalls haben die Massen noch nicht einmal virtuell die Fahnen geschwenkt. Um die Wahrheit zu sagen, es hat mir kein Einziger zugejubelt.

Und dann gab es Ereignisse, die mich davon abhielten, Menschen zu beleidigen und zu diskriminieren, andere zu belügen. Weil mir die Worte fehlten. Und ich muss zugeben, dass mir inzwischen die Motivation etwas abhanden gekommen ist. Wenn ich mir anschaue, was man tun muss, um in die Schlagzeilen zu kommen, bin ich mir nicht mehr so ganz sicher, ob ein Leben in der Masse und als Unbekannter nicht vielleicht doch die erträglichere Variante ist. Wenn man das Wort „anständig“ nicht für unanständig hält. Nicht, dass ich nicht das Potential hätte. Aber ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob ich nicht alle Spiegel abhängen müsste, wenn ich auch so erfolgreich wäre, dass alle von mir sprechen.