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Wiederholung

Es war noch im alten Jahr. Anlässlich der wie in jedem Jahr mit Spannung erwarteten Ansprache an die Nation. Da hat sie es schon wieder gesagt. Unsere Bundeskanzlerin. Dass wir das nämlich schaffen. Aber ich weiß inzwischen nicht mehr so genau, wen sie eigentlich mit „wir“ meint. Eines ist mir jedenfalls klar geworden, meinen Blog muss ich ganz offensichtlich weiterhin ganz alleine schreiben. Doch weil ich von den andauernden Feiern und Partys bis zum frühen Morgen inzwischen zugegebenermaßen etwas angegriffen bin, werde ich heute nur einen Beitrag veröffentlichen, der schon einmal an anderer Stelle erschienen ist. Vielleicht hat ja die Eine oder der Andere Lust und Muße, sich das trotzdem einmal in aller Ruhe zu Gemüte zu führen.

 

Warteraum

 

Es ist früher Morgen, als ich dem Hinweisschild „Warteraum“ folge und auf das Bundeswehrgelände einbiege, an dem ersten Posten vorbeifahre. Es ist ein Sonntag, die Sonne versucht bereits strahlend, den gefrorenen Tau verschwinden zu lassen. Trotzdem habe ich sofort ein leicht beklommenes Gefühl. Denn natürlich ist das Gelände rundum eingezäunt. Auch gibt es innerhalb dieser Zäune noch einen weiteren Zaun. Hier beginnt die sogenannte Shelterschleife. In diesem Areal wurden und werden Flüchtlinge untergebracht, die in den vergangenen Monaten auf mitunter sehr gefährlichen Wegen  nach Deutschland kamen. Weil sie vor dem Krieg flohen. Vor dem Hunger. Der Hoffnungslosigkeit.

 

Doch nachdem mir ein trotz der frühen Morgenstunde freundlich lächelnder Bundeswehrsoldat meinen Ausweis ausgehändigt hat, löst sich die Beklemmung schon wieder etwas. Es ist noch sehr ruhig auf dem Gelände, nur ein paar Soldaten sind unterwegs. Die Menschen, die heute Nacht mit einem Bus hier angekommen sind, schlafen zum Teil noch. Die Männer liegen in einem der riesigen Zelte in ihrer Kleidung auf den blauen Matratzen der Stockbetten unter einer Decke. Immer sechs von denen stehen in einer Art kleinem Verschlag, der nach oben offen ist. Aber so zumindest etwas abschirmt von den vielen anderen Schläfern, den Eindruck von einem Massenlager etwas abmildert. Seltsamerweise sind keine Schlafgeräusche zu hören. Wahrscheinlich Erschöpfung, vermute ich, schließe vorsichtig wieder die Tür nach draußen.

 

Im Gegensatz dazu ist es im großen Verpflegungszelt geradezu laut. Denn hier sind es vor allem Frauen mit ihren Kindern, die schon beim Frühstück sitzen. Wenn man das Umfeld vergisst, das eine oder andere Gesicht, die manchmal vom Morast verkrusteten Schuhe, man könnte meinen, sie gedenken vielleicht heute einen Ausflug zu machen, bei diesem herrlichen Wetter. Aber sie wissen wahrscheinlich noch nicht einmal, wo sie heute Abend sein werden. Denn zumeist werden die Flüchtlinge schon nach einer Nacht zu anderen Sammelstellen und Unterkünften gefahren. Doch jetzt haben die Kinder noch alle Zeit, um sich akribisch die Brötchen mit Butter zu schmieren, die Marmelade möglichst gleichmäßig zu verteilen. Einen Jungen werde ich noch nach einer Stunde am selben Platz antreffen, er verspeist seine Semmelhälften zwar mit unbewegtem Gesicht aber mit umso größerer Andacht.

 

An einem anderen Tisch hat eine Familie die Köpfe zusammengedrängt, mit dem Handy soll ein Foto gemacht werden, sicher für die Verwandten zu Hause. Alle lachen in die Linse. Sie haben wohl das Gefühl, die Erleichterung, eine wichtige Etappe geschafft zu haben. Aber offensichtlich nicht der Mann, der alleine zwei Tische weiter sitzt. Er starrt düster auf sein Handy, scheint immer wieder zu versuchen, eine Verbindung zu bekommen. Vielleicht ist es jemand in der Heimat, vielleicht jemand irgendwo in Deutschland oder in Schweden, den er versucht anzurufen. Als er dann aufsteht, greift er nach einer Krücke, er humpelt hinaus, zu dem Zelt, in dem die Flüchtlingshilfe, eine private Erdinger Initiative, Bekleidung und Schuhe an die Flüchtlinge ausgibt. Die auch zu Spenden aufruft, Flüchtlinge nach der Ankunft im „Willkommenszelt“ mit Getränken und einem kleinen Imbiss versorgt.

 

Wie überall ist auch hier, bei der Kleiderausgabe, alles wohl geordnet, die Kleidungsstücke ebenso wie der Ablauf. Es wird auf Englisch geradebrecht oder von einem jungen Mann, selber Flüchtling, gedolmetscht. Dann werden noch in der Warteschlange die gesuchten Bekleidungsstücke von einem Security-Mann auf einen Zettel geschrieben. Nachrücken ist wichtig, weil draußen noch mehr Menschen warten. Und wer anprobiert, erfährt auch schon mal, dass man hierzulande ein anderes Zeitgefühl hat. Doch selbst wenn sie etwas zur Eile getrieben werden, lächeln diese Menschen freundlich zurück. Glänzende Kinderaugen kann man hier dann allerdings auch einmal sehen. Wenn zum Beispiel ein Anorak von einer angesagten Figur geziert wird. Aber auch einen Mann, der vor nicht allzu langer Zeit wohl eher seine Kleidung in der Bab Shargi oder am Platz El Schuhada in Damaskus eingekauft hat, in renommierten Modegeschäften.

 

Aber das alles scheinen die meisten dieser Menschen geradezu gelassen hinzunehmen. Als sei das alles hier, die Ungewissheit vor sich, die Strapazen, die sie hinter sich haben, die Abhängigkeit von anderen Menschen und Institutionen, vom Wohlwollen anderer, auf jeden Fall besser als alles, vor dem sie geflohen sind. Auch wenn ich es mir eigentlich nicht vorstellen kann, die Menschen, Flüchtlinge, wirken erstaunlich oft fast heiter und gelöst an diesem Morgen. Wenn sie dann mit ihren neuen Kleidern an den aufgereihten Zelten entlang marschieren, auch mal in die Sonne lachen. Vielleicht noch einmal im Kantinenzelt einen Kaffee trinken. Doch mancher Blick in die Gesichter zeigt, dass es wohl auch immer wieder ganz andere Momente gibt. Als ich mich dann jedenfalls irgendwann wieder auf den Weg zum Auto mache, versuche ich mir vorzustellen, dass ich jetzt nicht wüsste, wohin ich gehen kann, was mich jetzt erwartet. Dass meine Wohnung oder mein Haus vielleicht in Schutt und Asche liegen. Dass ich eine Schwester, einen Neffen, vielleicht ein Kind tot zurücklassen musste. Als ich im Auto sitze, wieder auf die Bundesstraße einbiege, haben sich Wolken vor die Sonne geschoben. Aber vielleicht kommt es mir auch nur so vor.

 

Freie Wahl

Der Endspurt hat begonnen. Noch sechs Tage, dann steht vielleicht nicht nur Weihnachten vor der Tür sondern auch noch ein großer Teil der Verwandtschaft. Ich habe deshalb größtes Verständnis dafür, dass an jedem Tag, an dem Geschäfte geöffnet haben, die Zeit knapp ist. Und so ist es heute jedem überlassen, ob er sich die Zeit nehmen will für einen Beitrag, den ich für ein Online-Magazin geschrieben habe. Oder ob er sich lieber aufmacht in die Schlacht, die die ganze Frau und den ganzen Mann erfordert und auch als Weihnachtseinkauf bezeichnet wird. Wer aber für fünf Minuten Ablenkung ganz froh ist, der muss einfach nur auf diesen Link gehen: Freie Wahl

Schelte im Shelter

Warum nur werden Menschen – und dazu auch noch Würdenträger – dafür kritisiert, dass sie den Mut haben zu sagen, was gesagt werden muss. Wenn zum Beispiel ein CSU-Landrat Probleme anspricht, die unter den Nägeln brennen und einen Namen haben: Flüchtlingskrise. Alleine wenn man bedenkt, wie oft dieser Begriff in den Nachrichten fällt, dann sollte es doch keine Frage mehr sein, dass es sich hier wirklich um eine Krise handelt. Und erst recht, wenn in einem sogenannten Warteraum für Flüchtlinge das „reine Chaos“ herrscht, wie dieser Landrat entsetzt feststellen musste.

Doch den eigentlichen Skandal hat dieser unerschrockene Politiker erst aufgedeckt, als sich Bundesinnenminister de Maizière bei einem Besuch in Lobhudelei für die freiwilligen Helfer erging, anstatt sich mit den wirklichen Problemen zu beschäftigen. Vor laufenden Fernsehkameras sagte er dem Bundesminister nämlich ins Gesicht, dass der Bau der als Warteraum genutzten Baulichkeiten nicht mit der bayerischen Bauordnung vereinbar ist. Was nichts anderes heißt, als dass die Flüchtlinge in Schwarzbauten untergebracht werden. Die hilflose Reaktion des Bundesministers: „Was sollen denn dann jetzt die Konsequenzen sein? Sollen wir das alles hier jetzt wieder abreißen, oder was?“

Sprach’s und ergriff die Flucht, wie eine Zeitung meldete. Ließ den Landrat also zurück mit der Last, dass die betroffene Kommune seines Landkreises für Krankenhaustransporte und anschließende Behandlungen aufkommen muss, dass sie plötzlich für bis zu 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge pro Woche zuständig ist. Wie der Landrat sagte. Was nichts anderes bedeutet, als dass in einem Jahr mehr als 2000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden müssen. Weshalb dann nicht nur im Warteraum sondern auch beim Jugendamt das „reine Chaos“ herrschen wird. Das Wort Chaos stammt übrigens aus dem Griechischen, wie ich überrascht festgestellt habe, und stand ursprünglich für „der unendlich leere Raum“.