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Frohe Weihnacht

Wann, wenn nicht heute, kann man sich das erlauben. Schließlich ist doch, wir wollen zur Abwechslung mal ganz ehrlich sein, dieses ganze Brimborium, diese Weihnachtsmarkt-Show, das Glitzern und Glimmern in den Konsumtempeln, ebenso irreal. Hat es doch überhaupt nichts mehr mit dem zu tun, weshalb einst, in grauer Vorzeit, Menschen Weihnachten gefeiert haben. Und vor allem, wie sie es gefeiert haben. Inzwischen bieten übrigens sogar schon Discounter Austern zum Weihnachtsfest an. Mit dem notwendigen Messer. Gehört eben noch nicht in allen Haushalten zur Standardausrüstung.

Tun wir also einfach einmal so, dass heute nicht der Tag des Orgasmus ist – gibt es wirklich, nämlich am 21. Dezember – sondern der Tag des Irrealen. Stellen wir uns also vor, dass Regierungen nicht mehr darauf aus sind, dass die heimischen Rüstungsindustrien prosperieren. Sondern anstatt Waffen Pumpen für Brunnen bauen, Filteranlagen für Schornsteine, Solaranlagen für Afrika, Asien und Südamerika. Und die Gewinne wie alle anderen Konzerne nicht mehr in Panama- oder Paradise-Papers stecken. Sondern in Projekte, die sinnvoll sind für die Natur und die Menschen.

Stellen wir uns außerdem vor, dass zum Beispiel die großen Lebensmittelkonzerne nicht mehr zu Dumping-Preisen und mit staatlicher Unterstützung in die ärmsten Länder exportieren. Sondern vielmehr Bauern und Genossenschaften in diesen Regionen unterstützen, ihnen Erträge zu vernünftigen Preisen abnehmen. Wenn Überschüsse erwirtschaftet werden, also die heimische Bevölkerung genug zu essen hat. Und dass das Wasser überall auf der Welt denen gehört, die Durst haben. Und nicht mehr teuer und in Flaschen verkauft wird.

Träumen wir doch einmal davon, dass Menschen nicht mehr ausgebeutet, unterdrückt, gefoltert oder ermordet werden, weil sie eine andere Hautfarbe, Religion oder Herkunft haben. Oder einfach nur das falsche Parteibuch. Und dass heute der Tag ist, ab dem sich 99,9 Prozent der Menschheit für das alles einsetzen werden. Dass es 100 Prozent sein könnten, ist dann selbst für einem Tag des Irrealen zu irreal. Und noch ganz schnell, bevor ich aus diesem schönen Traum aufwache: Fröhliche Weihnachten!

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Hurra

Das war meine erste und bisher einzige Reaktion auf die Mitteilung, dass Herr Söder der neue Seehofer werden wird. Mehr ist mir nicht eingefallen. Doch natürlich wird einem dieser ganz spezielle „Nach-Lacher“ von Horst Seehofer fehlen, der mich seltsamerweise immer an das Märchen von Hänsel und Gretel denken ließ. In dem selbstverständlich der noch-Ministerpräsident Seehofer die Hexe verkörperte. Dieser ganz spezielle Lacher nahm letztendlich auch die Schärfe von allem zuvor Gesagten, schuf stets die Möglichkeit, dass es vielleicht ja auch nur ein Scherz gewesen sein könnte, was einem da gerade das Wasser in den Beinen gefrieren ließ. Das mit dem Ende von CDU/CSU als Schwesterparteien zum Beispiel. Oder die punktgenauen 200 000 Flüchtlinge.

Da fragen sich sicher viele Menschen unwillkürlich, ob der Markus Söder das auch nur annähernd so hinkriegt. Diese Leichtigkeit im Schweren. Die nackte Wahrheit zum Märchen werden zu lassen. Damit man nicht so erschrickt. Doch da bin ich absolut zuversichtlich. Hat der doch ganz offensichtlich diverse Wochenend-Seminare „Medien-Profi in drei Stunden“ absolviert. Ganz zu schweigen von seiner profunden Erfahrung als Schauspieler, dem legendären Auftritt in einer Vorabendserie des Bayerischen Fernsehens, der noch immer auf Youtube zu genießen ist. Aber wohl gelöscht werden muss, wenn er dann Ministerpräsident ist. Dass mir an dieser Stelle der Pumuckl einfällt, dieser Tischler-Werkstatt-Kobold und seine lustigen Streiche, ist mir allerdings schleierhaft. Das liegt wohl nur an dem Hurra von oben.

 

Multitalent

Man sollte dankbar dafür sein. Ganz besonders im Alter. Aber auch als junger Mensch. Schließlich ist es zweifelsfrei erwiesen, dass mit den Anforderungen Fähigkeiten geweckt werden. So hätte ich mir früher nie vorstellen können, dass ich einmal ganz lässig die Arbeit eines Schalterbeamten bei der Deutschen Bahn übernehmen könnte. Schließlich hat der ja erst einmal eine Ausbildung gemacht, bevor er an den Schalter gelassen wurde. Um für Reisende die beste Bahnverbindung von Marktredwitz nach Heide rauszusuchen und anschließend die Fahrkarte auszudrucken. Und jetzt mache ich das selber.

Außerdem bin ich inzwischen auch Bankfachmann. Ich erledige alle meine Bankgeschäfte selber. Am Automaten. Und außerdem, das muss hier mal gesagt werden, ohne einen Cent an die Bank zu berechnen. Wenn das nicht großzügig ist. Und weil ich so großzügig bin, lese ich auch für die Wasserwerke den Verbrauch ab, bin ich Stromableser, Tankwart oder Einzelhandelsverkäufer. Und letzteres muss ich wohl für die Jüngeren unter uns erklären.

Es gab eine Zeit, da ging man in ein sogenanntes Kolonialwarengeschäft, sagte einem zumeist freundlichen Herrn oder auch einer ebenso freundlichen Dame, was man alles brauchte. Und die wogen dann die richtigen Mengen ab, holten die Ware aus dem Regal und verstauten sie im mitgebrachten Einkaufskorb. Den sie dann nicht selten auch noch bis zum Auto trugen. Und das Ganze ohne einen Pfennig Aufpreis. Also alles das, was ich heute selber mache. Weshalb ich demnächst wohl eine Waage mitnehmen werde. Denn obwohl ich natürlich gerne auch selber wiegen würde, wenn ich mal nur 275 Gramm Kastanien für ein Rezept brauche, es fehlt oft die Waage. Aber wenigstens hat sich die einzeln abgepackte Banane überall durchgesetzt.

Hundeleben

Wer hat nicht schon einmal in die traurigen Hundeaugen geblickt, wenn die Champagnerkorken knallen, Weinflaschen entkorkt werden, Menschen also fröhlich miteinander und zur Freude der Finanzämter, Ärzte und Krankenhäuser feiern. So ein Schlückchen in Ehren kann eben niemand verwehren, und irgendwo muss ja die ausgelassene Stimmung herkommen. Doch der zweitbeste Freund von Männern hat da immer das Nachsehen, blieb für den Hund bisher doch gerade mal eine Schüssel mit Wasser, um ebenfalls in Feierlaune zu kommen.

Doch dieses Elend hat ein Ende. Dank eines Metzgers aus der Pfalz. Er hat nämlich die Fleischportion als Drink to go erfunden. Also Fleisch, das flüssig daher kommt, in Flaschen abgefüllt und bis dato in drei Geschmacksrichtungen vorgesehen ist. Was von einer Hundebesitzerin dankbar aufgegriffen wurde. Ihre Hunde bekommen jetzt zu besonderen Anlässen flüssiges Fleisch. Oder, wie sie es einem Reporter gegenüber nannte: Hundechampagner. Und um die Gleichbehandlung von Mensch und Tier abzurunden, werden von ihr dem Zamperl auch mal Kugeln mit schwarzem Trüffel serviert. So ein Tier soll ja auch nicht leben wie ein Hund.

 

Sturm in der Schnabeltasse

Zugegeben, der Titel klingt etwas reißerisch. Was dann aber in der TV-Sendung „Operieren und kassieren – Ein Klinik-Daten-Krimi“ zu sehen und zu hören war, das ließ durchaus aufhorchen. Wurde dort doch eher mehr als weniger die These aufgestellt, dass Krankheit und Beschwerden und daraus resultierende Operationen kein Schicksalsschlag sein müssen, sondern sehr oft lediglich eine Frage des Wohnsitzes sind.

Offenbar verhält es sich mit Knie- oder Rückenbeschwerden so ähnlich wie mit Alkoholkonsum. Dort, wo es viele Kneipen gibt, wird auch mehr gesoffen. Und dort, wo es viele Krankenhäuser gibt und Kliniken, die Knie – oder Rückenoperationen im Angebot haben oder auch Herzschrittmacher einsetzen, dort gibt es einfach mehr Menschen, die am Knie, Rücken oder Herzen operiert werden müssen.

Kein Schelm, wer böses dabei denkt, sondern ein knallharter Realist. Die Redakteure der besagten TV-Sendung haben sich nämlich nicht nur die Mühe gemacht, diesbezügliche Daten zu sammeln, sie ließen sich auch noch ein Programm schreiben, das alle verfügbaren Daten in einen Zusammenhang brachte. Demnach muss z.B. ein Mensch, der sich gerne am Rücken operieren lassen möchte, nur in die Gegend von Fulda ziehen.

Seine Chancen, selbst ohne entsprechende Indikation operiert zu werden, sind hier in Relation zu manch anderer Gegend Deutschlands um mehr als 100 Prozent höher. Was in keinster Weise zu bedeuten hat, dass in der Gegend um Fulda mehr Menschen an Rückenleiden leiden. Es gibt einfach nur mehr Kliniken und Krankenhäuser, die ihre Betten nicht leer stehen lassen wollen. Schließlich haben wir einen freien Markt. Weshalb die Wellen der Empörung noch nicht einmal den Rand des Wasserglases erreichen werden.

 

Pure Life

Wieder einmal droht eine Dürrekatastrophe in Afrika. Dieses Mal insbesondere auch in Äthiopien, mehr als fünf Millionen Menschen sind laut Vereinter Nationen dort schon jetzt davon betroffen. Doch zum Glück haben die Schweizer nicht nur Ricola erfunden. Sondern auch einen Konzern, der es sich auf die Fahnen und in die Konzernbilanzen geschrieben hat, weltweit dafür zu sorgen, dass die Menschheit Kaffee in Kapseln, Babynahrung als Pulver, tiefgefrorene Pizza selbst in Afrika und überall auf dem Globus Wasser in Plastikflaschen bekommt.

Und auch für die Dürrekatastrophe in Äthiopien hat dieser Schweizer Konzern bereits eine Lösung gefunden. Dank einer engen Zusammenarbeit mit einer einheimischen Firma kann er täglich 1,2 Millionen Liter Wasser aus dem Boden Äthiopiens pumpen und in Flaschen abfüllen. Und so auch dafür sorgen, dass der Ausbau der Milchwirtschaft voranschreitet. Milchprodukte hat der Konzern in dem afrikanischen Land ebenfalls in seine Produktpalette aufgenommen hat.

So kann der US-amerikanische Präsident mit einem einzigen Tweet Geldforderungen der Vereinten Nationen ablehnen, da ja bereits für die Trinkwasserversorgung und die Ernährung mit Milchprodukten gesorgt ist, die 40 Millionen Äthiopier, die kein sauberes Trinkwasser haben, voll Zuversicht in die Zukunft schauen können. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis dieser Schweizer Konzern für sein soziales Engagement ausgezeichnet wird – und er endlich auch Kaffee-Kapseln in Äthiopien anbietet.

 

Es war einer dieser Tage, an denen die Farbe des Wassers mit jener des Himmels verschmilzt. Ruhig lag das Meer in der Mittagshitze und spiegelte sich im Blau des Firmaments. Es schien, als würde es keinen Horizont geben, keine Zeit und auch keinen Abend. Auch wenn sich die Blätter der Palmen hin und wieder sacht bewegten, als würden sie von einem Sonnenstrahl gekitzelt, es gab nichts, was sie beunruhigte. Der Wind hatte sich zwischen die Dünen zurückgezogen und ein bisschen auf’s Ohr gelegt.

 

Es lagen stürmische Tage hinter ihm. Um sich etwas Kühlung zu verschaffen flogen die paar bunt schillernden Vögel zwischen den Schatten spendenden Palmen hin und her, schlugen auch mal übermütige Kapriolen in der flirrenden Luft über dem heißen Sand. Außer ihrem gelegentlichen fröhlichen Lärmen war nur noch die träge Brandung zu hören, die so lustlos an den Strand schwappte, dass sie Tieren und Pflanzen am Ufer kaum Kühlung zufächelte. Doch niemand beschwerte sich darüber. Alle genossen diese fast reglose Ruhe der Mittagsstunde.

 

Nicht einmal die Möwe Sax schaute so grimmig wie sonst. Sie hatte am frühen Morgen schon einige Fische und die Hälfte von einem Brötchen ergattern können und strich jetzt gemütlich über den Strand dahin. Das tiefblaue Wasser behielt sie trotzdem im Auge, denn Sax konnte auch einen guten Happen vertragen, wenn sie gar keinen Hunger hatte. Galant umrundete sie die Palme am Ende des Strandes, dort wo die großen Felsbrocken begannen, glitt dann auf das Wasser hinaus, bis sich keine Welle mehr kräuselte, und begann in einem weiten Bogen langsam zum Strand zurückzufliegen.

 

Die Augen etwas zugekniffen wegen des gleißenden Lichtes, ließ sich Sax noch etwas tiefer sinken um ja nicht zu verpassen, was dort im Wasser schwimmen könnte, dachte aber auch, dass es schön wäre, die Augen ein bisschen zu schließen, den Schnabel unter einen Flügel zu stecken und von dicken Touristen in kurzen Hosen und bunten Hemden zu träumen, die ihr Reste von weichen Brötchen und süßem Gebäck direkt vor ihre Füße warfen. Sax erträumte sich – und das vor allem wegen der Abwechslung in der Ernährung – gerade einen großen Brocken gebratenes Hackfleisch aus den Händen eines kleinen Jungen als sich unter ihr wie durch eine Explosion das Wasser öffnete.

 

 Bevor Sax irgendwie reagieren konnte, schoss ein graues Ungetüm auf sie zu, und die Möwe konnte nicht einmal für sich entscheiden, ob dieses Unwesen das Maul vielleicht so weit aufgerissen haben könnte um sie, Sax, zu verschlingen, als sie mit diesem Monster, das mindestens so groß war wie eines dieser stählernen Kolosse, die einmal im Jahr vor der Küste kreuzten, zusammenstieß. Sax stieß einen krächzenden Laut aus, glaubte für einen Moment die Besinnung zu verlieren, taumelte und fiel auf das Wasser zu, als nun eine riesige Fontäne auf sie zuschoss, sie ein Stück mit in die Luft riss und dann alleine ließ, benommen und immer noch ein wenig taumelnd aber jetzt überhaupt nicht mehr schläfrig und mit weit aufgerissenen Augen.

 

Sax wurde unendlich wütend, als sie sich ein wenig von ihrem Schrecken erholt hatte. Sie wurde so wütend, dass sie auf das Wasser runterstieß, so laut schreiend und lamentierend, dass sogar der Wind in den Dünen wach wurde und die bunten Vögel zwischen den Palmen erschrocken auf’s Meer hinaus starrten. Doch dort gab es außer Sax nichts zu entdecken. Als wäre nichts geschehen, lag jetzt das Wasser träge wie zuvor. Aber nur für kurze Zeit. Dann teilte sich, jetzt etwas weiter entfernt von Sax, das Wasser erneut, wenn auch nicht mehr so heftig wie zuvor, und wieder stieg das graue Ungetüme in die Luft empor, klatschte kurz darauf zurück ins Meer.

 

Der Möwe kam es aber jetzt so vor, als sei das Monster nur noch halb so groß. He du, schrie Sax deshalb hinterher, komm‘ sofort zurück, sonst wirst du was erleben, ich hack‘ dir deine graue Schwarte zu Brei. Als das Ungeheuer zum dritten Mal auftauchte, war es schon wieder kleiner geworden. Sprang jetzt auch nicht mehr aus dem Wasser heraus sondern schwamm mit heftigen Flossenschlägen dahin, immer wieder mal kurz untertauchend. Da gab es für Sax kein Halten mehr. Pfeilschnell wie einer der von ihr so bewunderten schillernden Kolibris schoss sie dem grauen Burschen hinterher, holte ihn auch bald ein, und hätte dann vor Schreck beinahe vergessen mit den Flügeln zu schlagen.

 

(Fortsetzung folgt)