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Wieder Vereinigung

So eine Gelegenheit darf man sich einfach nicht entgehen lassen. Wenn es auch nicht für den Spruch reicht, „ich habe es schon immer gesagt“, zumindest kann ich mir anmaßen zu sagen, dass ich es schon damals vorhergesehen hätte. Was mir zugegebenermaßen in anderem Zusammenhang nicht gelang. Wir kannten uns seit Schulzeiten. Alles deutete auf eine gemeinsame Zukunft hin. Doch dann wurden unsere Wege getrennt. Sie studierte dort. Ich arbeitete hier. Wir verloren zwar nie ganz den Kontakt, aber erst durch eine glückliche Fügung kamen wir eines Tages wieder zusammen. Um es kurz zu machen: Heute leben wir zwar beide in der gleichen Stadt, treffen uns hin und wieder. Aber wir sind geschiedene Leute, finden einfach keinen gemeinsamen Nenner mehr.

Doch nun zu meiner auch belegbaren Behauptung, dass ich es wenigstens einmal schon „gleich gesagt habe“. 1991 erschien nämlich ein Buch, das sich mit rechtsradikalen und neonazistischen Aktivitäten und Tendenzen in den damals noch ganz neuen Bundesländern beschäftigt. Es hat den vielleicht etwas kryptischen Titel „Von links nach rechts“, einer der beiden Autoren ist der Publizist Kurt Hirsch, der andere bin ich.

Immerhin warnte auch die damalige Ausländerbeauftragte Liselotte Funcke bereits davor, dass „Ausländer zu Sündenböcken gemacht werden für die allgemeine Unzufriedenheit“, während andere von einer „Randerscheinung des Umbruchs“ sprachen. Resümee des Buches hingegen: „Die Geschichte wiederholt sich nicht schematisch, doch was offensichtlich immer wiederkehrt, das sind die Bürger und Politiker, die sich zu verschiedenen Zeiten immer wieder ähnlich artikulieren und so, gewollt oder nicht gewollt, bewußt oder nicht bewußt, zu neuen Wegbereitern des alten Rechtsradikalismus werden.“ Klingt in diesen Tagen und nach dieser Bundestagswahl vielleicht nicht so ganz falsch. Auch wenn es mir lieber wäre, wenn ich falsch gelegen hätte.

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Anteilnahme

Jetzt kommt es mir vor, als wäre es der Epilog gewesen. Britanniens Brexit-Queen Theresa May hatte nach der Brandkatastrophe in London  bei einem Besuch am Grenfell Tower nur mit Rettungskräften gesprochen. Königin Elizabeth II. und Prinz William hingegen sprachen mit Opfern und Helfern. Weshalb Theresa May dann doch noch ganz schnell ins Krankenhaus fuhr, um mit Opfern des Brandes in dem Londoner Hochhaus zu sprechen. War aber zu spät war, inzwischen hatte  sich Oppositionsführer und Labour-Chef Jeremy Corbyn schon mit Betroffenen getroffen hatte.

Doch wie Anteilnahme wirklich aussehen muss, das erfuhr man erst am gestrigen Abend, nachdem der nun nicht mehr ganz junge Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl verstorben war. Was da Politikern, Reportern, Kommentatoren und Nachrichtensprechern und ihren weiblichen Pendants ohne Versprecher über die Lippen kam, das war zutiefst berührend. Nun weiß ich, dass Kohl die Wiedervereinigung so gut wie alleine über die Bühne gebracht hat. Bei der Europäischen Union durfte immerhin Frankreichs damaliger Premier Mitterand das Händchen halten.

Richtig ergriffen war ich auch, wenn von einem Schock die Rede war. Was oft genug vorkam. Denn schließlich ist der Tod eines 87-Jährigen ein Ereignis, mit dem man nun wirklich nicht rechnet. Und außerdem und darüber hinaus musste ich noch den Schock darüber verdauen, dass Deutschland mit diesem Tod einen großen Verlust erlitten hat. Wie es ein Kommentator formulierte. Hatte ich doch überhaupt nicht gewusst, dass Helmut Kohl in den letzten Jahren Aufgaben erfüllte, die jetzt jemand anderes übernehmen muss.

Mein Eindruck nach fünf Stunden Berichterstattung und Dokumentationen über Helmut Kohl: Am gestrigen Tag ist der Retter des Abendlandes allgemein und der Bundesrepublik Deutschland im Besonderen von uns gegangen. Was Helmut Kohl nicht verdient hat. Schließlich hat er politisch wirklich manches bewegt.