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Erkenntnis

Eigentlich sollten da ja alle Alarmglocken schrillen. Ist es doch nicht nur ein Soziologe, der diese Behauptung aufgestellt hat. Er ist auch noch Professor an einer privaten Universität, die Sigmund Freud im Namen hat und In Wien zu Hause ist. Trotzdem konnte ich mich mit seiner These anfreunden. Dieser Thomas Druyen sagt nämlich, dass wir Deutschen zwar ganz wunderbar auf Krisen reagieren könnten. Und sie zumeist dann sogar meistern würden.
Unser großes Problem wäre allerdings, vorbeugend zu agieren. Oder wie es der Herr Professor ausdrückt, wir Deutschen wären nicht veränderungsbereit. Wir wären Reaktionsweltmeister, „aber wir sind völlig leidenschaftslos, wenn es um Prävention geht, um Antizipation, um Vorwegnahme kommender Herausforderungen“. Und als ich heute Nachmittag im Liegestuhl so auf dem Balkon in der Sonne lag und daran dachte, was alles so passiert, wenn ich jetzt nicht umgehend dies und das erledige, kam ich nicht umhin, ihm Recht zu geben.

Kein Friede auf Erden

Ist Krieg? Sind Putins Truppen schon bis Warschau und Budapest vorgerückt? Oder steht der sogenannte Islamische Staat bereits vor den Toren Wiens? Irgendeinen Grund muss es doch geben, dass die Menschen so durch die Straßen hasten. Den Blick zumeist gesenkt. Oder gerade mal auf die Auslagen der Geschäfte und deren Regale gerichtet. In denen sie sich dann drängen, ihre Körbe und Einkaufswagen füllen. Waren in ihnen auftürmen, als wäre es die letzte Möglichkeit, für bittere Zeiten vorzusorgen.

Ich habe das mit meiner Mutter besprochen. Und sie hat behauptet, 1939 wäre das so ähnlich gewesen. Nachdem Hitler in Polen einmarschiert war. Nur mit dem Unterschied, dass die Menschen damals keine Smartphones oder Shrimps gehortet hätten, sondern Dauerwürste, Mehl und Kerzen. Sie ist beunruhigt, weil ich mir solche Sorgen mache. Sie hat gesagt, das wäre nicht gut für meinen Bluthochdruck. Und behauptet, dass es vielleicht das Beste wäre, wenn ich nicht dauernd zum Einkaufen gehen würde. Auch weil ich so mein Übergewicht nie los werden würde.

Also sitze ich jetzt den ganzen Tag zu Hause und starre auf mein iPhone. Ob es nicht irgendeine Meldung gibt über irgendwelche Truppenbewegungen außerhalb Syriens. Und außerdem habe ich den ganzen Tag das Radio laufen. Damit ich mitkriege, wenn das Programm für eine Sondermeldung unterbrochen wird. Doch ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Rundfunkstationen nicht schon in der Hand des Feindes sind. Die Tatsache, dass in Dauerschleife mit Liedern über ein Rentier und einen gewissen Herrn Santa Klaus Psychoterror betrieben wird, würde dafür sprechen.

Eingeholt

Ich habe mir das gut überlegt. Ich habe mir viele Fragen gestellt. Und immer lautete meine Antwort darauf: Ja, du musst. Und natürlich fühlt es sich schon sehr seltsam an, wenn nun an drei Tagen in Folge vordergründig das selbe Ereignis abgehandelt wird. Als wollte hier jemand die Schrecken und Gräuel, mit denen eine Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep endete, breit treten, auswalzen. Weil ihm nichts anderes mehr einfällt. Doch das ist nicht der Grund. Darum ging es zu keinem Zeitpunkt.

Der Auslöser war das Exemplarische. Nicht für die Türkei alleine. Sondern für viele Länder. Vielleicht die meisten. Alle? Das Selbstmordattentat auf eine Hochzeit brachte nicht nur Leid für die davon betroffenen Menschen. Es zeigte auch sehr deutlich, wie Nachrichten, Meldungen, Statements eingesetzt werden. Um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Um Menschen zu manipulieren. Es ist wirklich beeindruckend.

Jetzt weiß man jedenfalls, dass man nicht weiß, ob der Attentäter ein Kind war, das der IS geschickt hatte. Was abgerundet wird von der Meldung, dass der österreichische Botschafter in Ankara ins türkische Außenministerium einbestellt wurde. Weil in Wien Kurden ein Zelt errichtet haben und mit Plakaten des PKK-Anführers Öcalan und der Flagge der PKK schmückten. Um gegen die türkische Politik und das militärische Vorgehen gegen Kurden zu demonstrieren.

Weshalb dann eine türkische, regierungstreue Online-Zeitung, die auf Deutsch erscheint, berichtete, PKK-Anhänger hätten „in der österreichischen Hauptstadt Wien das Staatsfernsehen ORF besetzt“. Und weiter: „Sie besetzten die Sendezentrale und zwangen die Mitarbeiter dazu, eine Erklärung zu verlesen.“ Dass es am Ende des Absatzes heißt, „die Terroristen forderten, dass ein Text verlesen wird, wurden jedoch von den Polizisten des Platzes verwiesen“, ist dabei unwesentlich.

Von Bedeutung ist lediglich das Vorgehen. Wie und welche Meldungen lanciert werden. Wenn Wirkungen erzielt werden sollen. Die dann damit abgerundet werden, dass ein Präsident von Aufrichtigkeit spricht. Laut einer Zeitungsmeldung soll Erdogan gesagt haben: „Wie kann man über Aufrichtigkeit sprechen, wenn Terrororganisationen erlaubt wird, ihr Zelt in Brüssel vor dem Europäischen Ratsgebäude zu errichten.“ Und ich muss zugeben, dass ich etwas verwirrt bin momentan.

Kaugummi und Schmetterlinge

Es gibt Dinge im Leben, die an einem hängen bleiben. Nicht wie klebriger Kaugummi sondern eher wie ein Schmetterling, der vergessen hat, wieder weg zu fliegen. Ich habe seit Jahrzehnten kein Gedicht mehr geschrieben. Doch kürzlich war ein Bekannter in Wien. Er hat mir in den höchsten Tönen von dieser Stadt vorgeschwärmt. Mich hat aber am meisten begeistert, dass mir ein Gedicht wieder einfiel, das ich vor gefühlt hundert Jahren geschrieben habe. Heute ist es mir in die Hände gefallen, weil ich etwas anderes suchte.

 

Eine Straße in Wien

 

Sie fiel vom Dach

Auf das Pflaster

Der Essiggasse

Der Sprung

Scheint logisch

Da sie

Auf das Leben

Sauer war

 

© peter b. heim

 

Sinneswandel

Irgendwie betrifft es uns ja auch. Schon längst ist fast alles, was Recep Tayyip Erdogan tut und lässt, auch deutsche Innenpolitik. Sogar wenn er das türkische Parlament wie gerade vergangenen Freitag die Aufhebung der Immunität von mehr als einem Viertel der Abgeordneten abnicken lässt. Die vor allem gleichbedeutend ist mit dem politischen Ende der HDP. Können doch jetzt Abgeordnete der Partei zum Beispiel wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, der PKK nämlich, strafverfolgt werden. Weil die HDP sich für die kurdischen Minderheiten einsetzt. Auch wenn das nicht bedeuten muss, dass die HDP auch die PKK unterstützt. Aber schließlich sind wir hier in der Türkei.

Wohin jetzt auch mal wieder Frau Merkel fährt respektive gefahren ist. Um mit dem türkischen Regierungschef über „alle wichtigen Fragen“ zu sprechen. Denn schließlich hat sie sich vor ihrer Abreise über die Lage in der Türkei sehr kritisch geäußert. „Natürlich bereiten uns einige Entwicklungen in der Türkei große Sorgen“, hat sie der FAS gesagt. Der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Weshalb der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mindestens eine schlaflose Nacht hatte. Irgendeine Ziege soll vor seinem Palast extrem laut gemeckert haben.

Jedenfalls zeigt diese Angelegenheit, welche Fortschritte die Welt gemacht hat. Jetzt müssen die Türken nicht einmal mehr vor den Toren Wiens stehen, um eine Bedrohung für Europa zu sein. Es reicht, wenn es sich ein türkischer Präsident in seinen bescheidenen Gemächern gemütlich macht und an den Vorbereitungen für seine Inthronisation als präsidialer Herrscher arbeitet. Alleine mit der Drohung, die Wege für Flüchtlinge von der Türkei nach Europa wieder zu öffnen, falls irgendjemand versucht ihm bei irgendwas reinzureden, verändert er die politischen Landschaften in EU-Ländern.

Er sorgt so zum Beispiel für Zulauf bei FPÖ und AfD zum Beispiel. Denn nichts ist derzeit bedrohlicher für einen durch die Ereignisse des vergangenen Jahres traumatisierten Österreicher oder Deutschen, als eine Bedrohung, die noch nicht stattgefunden hat. Es hängt wohl weitestgehend von Erdogan ab, wie die Neuwahlen, die in Bälde vielleicht in Österreich stattfinden, und die Bundestagswahlen im nächsten Jahr hierzulande ausgehen werden. Weshalb sich Frau Merkel am besten wohl an das schöne Lied von Reinhard Mey erinnern sollte, und daran, dass die Freiheit über den Wolken grenzenlos ist, und alles, was wir für groß und wichtig gehalten haben, plötzlich nichtig und klein erscheint. Und sie ganz einfach vergisst, was sie vor der Abreise gesagt hat.

Song Contest

Zuerst bin ich ja richtig erschrocken. Ich sah all diese Menschen, die Fähnchen und Fahnen schwenkten, und dachte sofort, dass sie jetzt also wieder angefangen haben, auf dem Majdan zu demonstrieren. Und es also nur noch eine Frage der Zeit sein kann, bis Putin’s NGO-Soldaten auch in Kiew einmarschieren. Doch dann machte die Kamera einen Schwenk, und es war klar, dass es nicht der Majdan und auch keine Ukrainer waren.

Auch wenn man trotzdem noch irgendwie das Gefühl hatte, zumindest auf einer Mai-Kundgebung des DGB zu sein, was man hörte und vereinzelte Großaufnahmen belehrten einen zwar nicht gerade eines besseren aber zumindest dahingehend, dass es sich offensichtlich um die Übertragung des Eurovision Song Contest aus Wien handelte, diesem Jahrhundertereignis des europäischen Fernsehens, dass alljährlich stattfindet.

Und mir als eingefleischtem Fan dieser völkerverbindenden Groß-Veranstaltung ist natürlich sofort aufgefallen, dass man sich jetzt offensichtlich vom eher starren Korsett der vergangenen Jahrzehnte befreit hat. Man ist sich jetzt endlich bewusst geworden, dass es sich ja schließlich um eine Fernseh-Sendung handelt. Weshalb die Bilder natürlich wichtiger sind als Ton und Gesang.

Also die Hintergrund-Projektionen, die visuellen Tricks, die laut Sprecher Peter Urban auch schon mal „zum Overkill für die Augen“ führen konnten, waren absolut gigantisch. Und da war es wohl nur folgerichtig, dass der Gesang zumeist mitsamt den Instrumenten zu einer Art Gemeinschafts-Sound verschmolz, der eben nicht allzu sehr von diesen herrlichen Bildern ablenkte. Und selten waren wohl so viele, so tief ausgeschnittene Damen respektive Dekolletés zu sehen.

Und jetzt ist auch ganz klar, warum der deutsche Barde Andreas Kümmert es nach dem Gewinn des Vorentscheids abgelehnt hat, für Deutschland in Wien zu singen. Er ist nicht nur ein richtiger Musiker, er kann auch noch richtig singen. Dafür, dass seine Vertretung Ann Sophie im wahrsten Sinne des Wortes keinen Punkt gemacht hat, kann man jedenfalls nicht ihr Dekolleté verantwortlich machen. Das Ganze war wohl eher eine Retourkutsche für Deutschlands Spar-Politik?